Die "Kohl-Protokolle" zeigen einen widersprüchlichen, ebenso machtbewussten wie verletzlichen ...
Essgewohnheiten und "Bimbes"

Nun liegen die Aufzeichnungen von Gesprächen mit Altkanzler Helmut Kohl vor. Bild: dpa
Wer nur nach pikanten Stellen sucht, kann im Register nachschlagen. Angela Merkel kommt auf neun Seiten vor, ebenso Norbert Blüm. Christian Wulff nur auf zwei. Hannelore Kohl dagegen gleich mehrere dutzend Mal, etwa ebenso oft wie das Wort Spendenaffäre. Die Neuerscheinung "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" ist eben nicht nur eine Abrechnung des Altkanzlers (84) mit einstigen Parteifreunden und anderen Feinden. Es geht auch um den Menschen Kohl. Zitate gibt es erstaunlich wenige, und diese sind kurz, aus rechtlichen Gründen.

Heribert Schwan und sein Mitautor Tilman Jens lassen in ihrem Buch das Bild eines widersprüchlichen, ebenso machtbewussten wie verletzlichen und verletzten Menschen aufscheinen, dessen Persönlichkeit mehr Facetten hat als viele bisher wahrhaben wollten.

Grundlage der "Protokolle" sind über 600 Stunden Gespräche in den Jahren 2001 und 2002. Es waren Kohls Krisenjahre. Seine Partei, die CDU, und Angela Merkel, seine Nachfolgerin im CDU-Vorsitz, hatten ihn wegen der Parteispendenaffäre faktisch kaltgestellt. Seine Frau Hannelore hatte sich das Leben genommen.

Die Frau an seiner Seite

Schwan war Kohls "Ghostwriter"; der Altkanzler nannte den Journalisten wohlwollend und etwas von oben herab "Volksschriftsteller". Drei Bände der Memoiren sind auf der Basis der Gespräche erschienen. Dann kam es zum Zerwürfnis. Der Autor macht klar, wem er die Schuld daran gibt: "Mein Feindbild ist die Frau an seiner Seite", bekennt er. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag in Berlin sagt Schwan aber auch: "Ich habe acht Jahre mit dem Mann zusammengelebt, sozusagen. Der Helmut Kohl hat mir vertraut." Schließlich ging es um seinen Platz in den Geschichtsbüchern. Doch dann habe sich Kohls zweite Frau, Maike Kohl-Richter, immer mehr eingemischt, bis in die Kommasetzung wollte sie die Memoiren beeinflussen. Und nicht nur das: Nach 47 Jahren habe sie Kohls Fahrer entlassen, dann die Haushälterin. "Und warum bin ich mitten im vierten Band der Memoiren, der zur Hälfte fertig war, vor die Tür gesetzt worden? Das kann doch nicht in seinem Sinne sein", sagt Schwan.

Dass die Aufzeichnungen nun in einem Kellerverlies verschwinden oder vernichtet werden - das dürfe nicht sein, meint Schwan. Die Öffentlichkeit habe "ein Anrecht darauf zu wissen, wie er tickt."

Einmal Feind, immer Feind

Wie also war Helmut Kohl, damals, in der Zeit, als er sich mit Heribert Schwan zu langen Gesprächen getroffen hat? "Er war kein Mann, der von Selbstzweifeln gebeutelt wird", erinnert sich der Autor. Das gelte auch für die Monate nach Hannelore Kohls Suizid. Und überhaupt: "Wer einmal Feind ist, bleibt Feind." Deshalb werde er Merkel, die ihn vom Thron des CDU-Vorsitzes gestürzt hat, auch niemals verzeihen.

Also dann: "Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. ... Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, so dass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste." Das ist lange her. Ähnliche Hiebe müssen auch andere einstecken.

Und was ist mit dem Kanzler der Einheit, dem Architekten der Wiedervereinigung? Gerade jetzt, zum 25. Jahrestag der friedlichen Revolution, wirkt Kohls Blick zurück sehr ernüchternd. Dass das Ende der DDR auf der Straße entschieden worden sei, das sei "dem Volkshochschulhirn von (SPD-Politiker Wolfgang) Thierse entsprungen". Entscheidend sei vielmehr Sowjetchef Michail Gorbatschow gewesen. Der habe gesagt: "Von uns gibt es kein Bimbes mehr. Macht was ihr wollt."
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