Die Rolle Russlands im Nahen Osten
Putins Bomben

Vom Iran aus starten neuerdings Putins Bomber (im Bild eine Sukhoi Su-34, die ihre tödliche Fracht über IS-Gebiet nordöstlich von Damaskus abwirft). Das Zweckbündnis mit dem Iran überrascht. Worum geht es Putin in der Region? Bild: Russisches Verteidigungsministerium/dpa

Moskau/Teheran. Wie ein blauer Blitz rast der russische Bomber über die Startbahn. Sein Ziel: Syrien. Die Düsen des massigen Kampfflugzeugs Tu-22M3 zeichnen im Video des russischen Verteidigungsministeriums einen blauen Schweif an den Nachthimmel. Das Besondere: Es ist der Nachthimmel im Iran.

Mit seinen Aktionen im Syrien-Krieg hat der russische Präsident Wladimir Putin in dieser Woche gleich zweimal überrascht. Zuerst verlegt er Langstreckenbomber auf die westiranische Luftwaffenbasis Hamadan. Dann erklärt sich Russland zu wöchentlichen zweitägigen Feuerpausen im umkämpften Aleppo bereit. Der Westen fordert wegen der katastrophalen Lage Hunderttausender Menschen dort ein Ende der Kämpfe. Was bezweckt Putin mit seiner mehrgleisigen Politik?

Stütze für Armee


Vordergründig geht es Experten zufolge ums Militärische. "Jetzt können wir uns mehr Angriffe (in Syrien) erlauben und die Ladung (an Bomben) erhöhen", erklärt Alexej Arbatow von der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Beobachter sind überzeugt, dass die Luftwaffe damit vor allem die syrische Armee im Kampf um Aleppo stützen will. Die Stadt ist geteilt zwischen Rebellen im Osten und Regierungstruppen im Westen. Langfristig stärkt Russland durch das neue Bündnis mit dem Iran seine Position in Nahost - auch gegenüber den USA, die einen Stützpunkt im südtürkischen Incirlik für Militäreinsätze nutzen. "Der Nahe Osten ist ein zentrales Testgelände geworden für Russlands Rückkehr auf die globale Bühne", schreibt der Politologe Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Zentrum. Im Syrien-Konflikt gehe es Russland darum, auch ein Netz von Verbündeten zu knüpfen.

So erklärt sich sowohl Moskaus überraschendes Einlenken bei der geplanten Waffenruhe, als auch das Festhalten an Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Doch die Suche nach neuen Verbündeten ist schwierig. Die militärische Zusammenarbeit mit Teheran ist aus iranischer Sicht bloß eine Zweckehe. Beobachter im Iran gehen davon aus, dass Russland der Islamischen Republik, die Unabhängigkeit von den Weltmächten ganz groß schreibt, die Stationierung der Kampfflugzeuge aufgedrängt hat.

Russland will wie der Westen verhindern, dass der Iran Atomwaffen bekommt. Und bei wichtigen Waffendeals wie zuletzt für Flugabwehrraketen lieferte Moskau mit Verspätung, was im Iran als Unzuverlässigkeit gesehen wurde. Doch decken sich manche Interessen, denn auch der Iran stützt Assad aus pragmatischen Gründen. Denn: Der Kampf gegen Israel ist die zentrale außenpolitische Doktrin. Eng sind dafür die Bande zur Schiitenmiliz Hisbollah im Libanon. Da der Iran aber keine Grenze zum Libanon hat, dient Syrien als Transitland.

Harte Wirtschaftsinteressen


Schon kommen Spekulationen auf, Russland schmiede auch ein Bündnis mit dem Iran und dem Nato-Mitglied Türkei. Nach dem Tiefpunkt der Beziehungen wegen eines abgeschossenen Kampfjets erleben die Präsidenten Putin und Recep Tayyip Erdogan inzwischen ihren zweiten Frühling miteinander. Doch bei zentralen Fragen wie der Zukunft Assads, sind die Positionen noch zu weit auseinander. Letztlich verfolgt Moskau in der Region harte Wirtschaftsinteressen. Den Krieg in Syrien sehen Beobachter auch als Waffenschau der Rüstungsindustrie. Dazu kommen Interessen als Öl- und Gasproduzent sowie der Verkauf von Atomkraftwerken.

"Russland hat kein Konzept für den Nahen Osten. Es verfolgt schlicht seine nationalen Interessen dort", sagt Trenin. "Russland konkurriert natürlich mit den USA um Einfluss und Präsenz im Nahen Osten. Aber es versucht nicht, die USA zu ersetzen etwa als Verbündeter Israels oder der Golfstaaten - auch mangels Ressourcen."





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