Diplomatischer Ärger wegen deutschem TV
Türkei macht Satire zur Staatsaffäre

"Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast": Mit solchen Zeilen hat ein deutsches Fernseh-Magazin diplomatische Verwicklungen mit der Türkei ausgelöst. Ankaras Protest gegen die Satire sorgt hierzulande für Empörung.

Istanbul/Berlin. Eine Satire des Norddeutschen Rundfunks (NDR) über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat einen diplomatischen Eklat ausgelöst. Das Außenministerium in Ankara bestellte den deutschen Botschafter Martin Erdmann ein, um gegen den knapp zweiminütigen Film zu protestieren. Nach Angaben aus türkischen Diplomatenkreisen vom Dienstag wurde während des Gesprächs gefordert, die Verbreitung des Clips zu stoppen.

Erdmann wies das zurück. Politische Satire sei in Deutschland von der Presse- und Meinungsfreiheit gedeckt. Deshalb gebe es "weder eine Notwendigkeit noch die Möglichkeit für ein Handeln der Bundesregierung", hieß es aus dem Auswärtigen Amt. Bei allen im Bundestag vertretenen Fraktionen sorgte der türkische Protest für Empörung. "Der Einschüchterungsversuch Staatspräsident Erdogans auf die Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland ist eine aussichtslose Anmaßung", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, Norbert Röttgen (CDU), "Spiegel Online".

Der Deutsche Journalisten-Verband nannte das Vorgehen Erdogans lächerlich. "Der türkische Machthaber Erdogan hat offenbar die Bodenhaftung verloren", sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. Der Staatschef habe sich zum Gespött der sozialen Medien gemacht. Die Satire wurde am 17. März in der Sendung "extra 3" ausgestrahlt. Zur Melodie von Nenas Hit "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" wird darin Erdogans Vorgehen gegen Medien, Demonstranten und Kurden auf die Schippe genommen. Im Text des Liedes mit dem abgewandelten Titel "Erdowie, Erdowo, Erdogan" heißt es zum Beispiel: "Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast." Dazu werden Bilder gezeigt, wie ein Journalist abgeführt und eine Redaktion gestürmt wird. Aufnahmen eines Treffens zwischen dem türkischen Präsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bei dem sich beide die Hände schütteln, sind versehen mit der Empfehlung "Sei schön charmant, denn er hat Dich in der Hand".

Erdmann wurde bereits am Dienstag vergangener Woche einbestellt. An diesem Dienstag folgte ein weiteres Gespräch im Außenministerium. Dabei ging es auch um die Teilnahme des Botschafters an dem Prozess gegen zwei regierungskritische Journalisten der unabhängigen Zeitung "Cumhuriyet". Erdmann beobachtete den Prozessauftakt gemeinsam mit anderen Diplomaten - aber als einziger Botschafter. Die Redaktion von "extra 3" zeigte sich am Dienstag unbeeindruckt von den türkischen Protesten, legte noch einmal nach und kürte Erdogan mit einem Foto auf ihrer Twitter-Seite zum "Mitarbeiter des Monats".
Der Einschüchterungsversuch Staatspräsident Erdogans auf die Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland ist eine aussichtslose Anmaßung.Norbert Röttgen (CDU)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.