Diskussion um Bekenner zu Anschlägen
„Mitmach“-Terror

"Manchmal gibt es keinerlei Erkennungszeichen, weil die Szene junge Menschen darauf einstellt, sich nicht zu erkennen zu geben." Zitat: Der Berliner Politikwissenschaftler Thomas Mücke, Leiter der Beratungsstelle "Kompass"

"IS bekennt sich zu Stau am Kaarster Kreuz" - ein makaberer Scherz so kurz nach der Bluttat von Würzburg. Die Frage, inwieweit sich die Terrormiliz die Taten Einzelner aneignet, beschäftigt jedoch auch Wissenschaftler.

Bonn. "Der IS würde sich derzeit auch zum Mord an Kennedy bekennen", schreibt jemand auf Twitter. Der Hashtag #ISbekenntsich führte am Dienstag die deutschen Twitter-Trends an. Hinter den Dingen, die den Terroristen unter diesem Schlagwort galgenhumorig zuschrieben werden - Wespen, Stau oder Schlagermusik -, steckt eine ernste Debatte: Bei Orlando und Nizza war die Verbindung zwischen den jeweiligen Tätern und der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) eher vage.

Im Falle von Würzburg kristallierte sich eine klare politische Motivation erst am Tag nach der Tat heraus - der IS hatte sie längst für sich in Anspruch genommen. Inwieweit der Muslim, der offenbar nur unregelmäßig in die Moschee ging, mit Extremisten vernetzt war, bleibt jedoch unklar.

"Jetzt bete für mich"


Die Ermittler fanden bei dem 17-jährigen Afghanen, der am Montag mehrere Menschen in einem Regionalzug mit einer Axt angegriffen und teils schwer verletzt hatte, IS-Symbole und einen Abschiedsbrief. In dem Schreiben an seinen Vater heißt es etwa: "Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann". Der Tod eines Freundes in Afghanistan könnte demnach der Auslöser für die Tat gewesen sein.

Wird der internationale Terrorismus zum "Mitmach-Event" für gewaltbereite Einzeltäter, wie die "Welt" unlängst schrieb? Die Grenzen zwischen "politischem Motiv und Wahnsinn" seien oft nicht genau zu bestimmen, warnt der Terrorismus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Guido Steinberg. Ein "Frühwarnsystem" gegen islamistischen Terror forderte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Die liberale Gesellschaft sei in Gefahr, wenn es keinen sicheren Ort vor dem islamistischen Hass mehr gebe. "Der Terror richtet sich immer mehr gegen die freie Welt als solche, unsere Art zu leben, unsere Art zu denken."

Ähnliche Worte waren bereits nach dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Januar 2015 zu hören, nach den Anschlägen von Paris im vergangenen November oder jenen von Brüssel im März. Zugleich ist es für Politik wie Ermittler schwierig, die teils immer schneller verlaufende Radikalisierung rechtzeitig zu erkennen.

Keine Erkennungszeichen


"Manchmal gibt es keinerlei Erkennungszeichen, weil die Szene junge Menschen darauf einstellt, sich nicht zu erkennen zu geben", sagt der Extremismus-Experte Thomas Mücke. Der 57-Jährige leitet unter anderem die Berliner Beratungsstelle "Kompass" und ist Geschäftsführer des "Violence Prevention Network". Neu sei es indes nicht, dass latente Feindseligkeit zum Vorschein kommen könne, wenn Themen in der Öffentlichkeit hochkochten, so Mücke.

Der ägyptisch-deutsche Politologe Asiem El Difraoui bezeichnet es zudem als schwierig, Radikalisierung an oberflächlichen äußeren Kriterien festzumachen. Terroristen ließen sich keine Bärte mehr wachsen, gläubige bärtige Muslime hätten dagegen zumeist nichts mit Radikalität zu tun. "Darüber sollte man mal nachdenken", mahnt der Wissenschaftler, dessen Buch "Wie der Dschihadismus über uns kam" im Herbst bei Suhrkamp erscheint.

Manchmal gibt es keinerlei Erkennungszeichen, weil die Szene junge Menschen darauf einstellt, sich nicht zu erkennen zu geben.Der Berliner Politikwissenschaftler Thomas Mücke, Leiter der Beratungsstelle "Kompass"
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