«DORV»-Service und «Schnatterenten» gegen Landflucht
Kleinstädte kämpfen mit Projekten gegen Bevölkerungsschwund

Was tun, wenn eine ländliche Region immer mehr Menschen verliert - und damit auch an Attraktivität? Viele Dörfer und Kleinstädte nehmen mit interessanten Projekten den Kampf gegen Bevölkerungsschwund auf.

Die Menschen in Deutschland zieht es immer stärker in die Städte, der demografische Abwärtstrend in vielen ländlichen Regionen - kurz: Landflucht - ist laut Statistik ungebrochen. Damit sinkt in zahlreichen Dörfern und Kleinstädten die Nachfrage nach Waren, Dienstleistungen, Bildungs- und Kulturangeboten - die Versorgung der Bevölkerung wird schlechter.

Aber es gibt viele innovative Auswege, so das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer neuen Studie. Einige Beispiele aus Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und anderen Bundesländern.

Im Besitz der Bürger: Das DORV-Zentrum Jülich-Barmen

NAHVERSORGUNG: Als die Sparkasse zumachte, musste in dem Örtchen bei Aachen etwas passieren. Es gab nur noch den Friseur und die Kneipe. Vereinzelt standen schon Häuser leer - in vielen Dörfern der Anfang vom Ende. In Jülich-Barmen indes war es vor gut zehn Jahren der Anfang vom DORV-Zentrum (Kurzform für: Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung). Mit der besonderen Schreibweise sollte unmittelbar klar werden, das es sich nicht um einen gewöhnlichen Dorfladen handelt.

Es gibt auch einen Lebensmittelverkauf, vor allem mit frischer Ware aus der Region. Ungewöhnlich sind aber die angekoppelten Dienstleistungen. Wer ein Paket aufgeben oder sein Auto zulassen will, kann das im DORV-Zentrum tun. Zu den Partnern gehören Stadt- und Kreisverwaltung, Energieversorger, Reinigung, Reparaturdienste. Daneben koordiniert das Zentrum Hilfen - etwa den Einkaufsservice für ältere Menschen.

Das kleine DORV-Café ist sozialer Treffpunkt. Das Zentrum gehört den Bürgern, die zum Start 2004 Anteilsscheine gekauft haben. Der Gewinn wird reinvestiert, zum Beispiel in den Lieferdienst für Menschen, die nicht mehr selbst einkaufen können. Erfreuliche Folge: Mit Leerstand hat das Dorf jetzt keine Probleme mehr.

24 Stunden Einsatz für Kinder und Eltern: «Schnatterenten» Schwedt

KINDERBETREUUNG

: Auch im Osten Brandenburgs müssen die Einwohner mit Mühe in der Region gehalten werden. Ein Argument liefert die Kindertagesstätte «Schnatterenten» in Schwedt: Sie ist rund um die Uhr geöffnet, Kinder werden an allen Tagen der Woche betreut. «Der Bedarf ist da», sagt Kita-Leiterin Marlies Helsing. «Genutzt wird sie Müttern und Vätern, die Spät- oder Nachtschicht haben. Viele wissen nicht, wo sie dann ihre Kinder lassen können.» Denn Babysitter könnten sich die meisten in der strukturschwachen Region nicht leisten. Im schlimmsten Falle bliebe nur die Alternative, den Job aufzugeben. Und Jobs sind rar.

Etwa fünf Kinder bleiben auch nachts in der Kita, erzählt Helsing. In der auf dem Gelände eingerichteten «Sternstundenvilla» mit einer kleinen Wohnung ist es fast wie in der eigenen Familie. Jedes Kind hat einen Kleiderschrank mit persönlichen Sachen - es soll so normal wie möglich sein. «Ab 14.00 Uhr kommen die Eltern und holen ihre Kinder ab», und sind nach der Schicht ausgeschlafen, sagt Helsing.

Weitere beispielhafte Initiativen gegen Landflucht:

- MOBILITÄT: In der hessischen Odenwaldregion wird der ÖPNV- mit dem Individualverkehr verknüpft: Wer sich nicht auf (seltene) Busse verlassen möchte, findet etwa per App private Mitfahrgelegenheiten.

- GESUNDHEIT: In der brandenburgischen Uckermark bietet eine Zahnärztin eine mobile Praxis speziell für ältere Menschen an, für die der Weg zum Dentisten sonst weit und beschwerlich wäre.

- PFLEGE: In Ostfildern bei Stuttgart werden Demenzkranke in einer Wohngemeinschaft betreut, für die sich Angehörige und engagierte Bürger eingesetzt hatten.