Dramatische in belagerten Städten Syriens
Hungernde schlachten Hunde und Katzen

Damaskus. Das ganze Ausmaß der Hungerkatastrophe lässt sich nur erahnen. Bilder von Aktivisten aus der seit mehr als 170 Tagen belagerten syrischen Stadt Madaja zeigen Tote mit Körpern, ausgemergelt bis auf die Knochen. Die lokale Gesundheitsbehörde hat auf Facebook ein Video verbreitet, in dem ein kleines Mädchen strampelt, bis auf die Haut abgemagert. Sieben Monate alt sei das Kind mit dem Namen Amal, erzählt eine Frauenstimme.

Überprüfen lassen sich diese schrecklichen Bilder nicht. Aber alles spricht dafür, dass sie echt sind und von einer der schlimmsten Hungerkatastrophen in dem fast fünfjährigen syrischen Bürgerkrieg zeugen. Seit fast sechs Monaten haben Regierungskräfte und die mit ihnen verbündete Schiitenmiliz Hisbollah die von Rebellen kontrollierte Enklave nordwestlich der Hauptstadt Damaskus von der Außenwelt abgeriegelt. Rund 40 000 Menschen sollen dort eingeschlossen sein, mindestens die Hälfte von ihnen Zivilisten. Es gebe so viele Kontrollpunkte, dass es fast unmöglich sei, Lebensmittel und Medizin in die Stadt zu bringen, berichten Aktivisten. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) und der Syrische Rote Halbmond hätten zuletzt im Oktober in der Stadt Hilfe leisten können, sagt eine IKRK-Sprecherin. Das Winterwetter verschlimmert die ohnehin schon katastrophale Lage.

Aktivisten und Oppositionsmedien melden, dass dort mittlerweile knapp 40 Menschen an Hunger und Kälte gestorben seien. 25 000 Menschen seien vom Hungertod bedroht, erzählt der Aktivist Masen Burhan vom humanitären Komitee Madajas über Skype. Das Komitee versuche, die wenigen Lebensmittel, die es erhalte, gerecht zu verteilen. Wie andere Aktivisten berichtet auch Burhan, dass Einwohner nun Hunde und Katzen schlachteten. Um ihren Hunger irgendwie zu stillen, sollen sie schon Gras gegessen haben.

Madaja wird zum Verhängnis, dass die Stadt an einem strategisch wichtigen Ort liegt. Das Regime und die Hisbollah beherrschen den größten Teil des Gebiets an der Grenze zum Nachbarland Libanon. Die vom Iran unterstützte Miliz will die gesamte Region unter Kontrolle bringen, um eine Pufferzone gegen Rebellen zu haben.

Aushungern als Kampfmittel


Es ist in dem Konflikt nicht die erste humanitäre Katastrophe infolge einer Blockade. Im Juni beklagten die UN, mittlerweile setzten alle Kriegsparteien das Aushungern als Kampfmittel ein. Eines der bislang schlimmsten Beispiele war das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk im Süden von Damaskus. Abgeschnitten von der Außenwelt starben dort Dutzende den Hungertod. Zumindest zeichnete sich am Donnerstag Hilfe für die Menschen in Madaja ab: Syriens Regime stimmte am Donnerstag den UN zufolge Lieferungen für die Stadt zu. Eine andere Hoffnung haben die hungernden Einwohner kaum. Die Bundesregierung und die UN riefen alle Konfliktparteien auf, den Hilfsorganisationen Zutritt zu belagerten Gebieten zu gewähren.

Visumspflicht für Syrer in der TürkeiDie Türkei führt heute eine Visumspflicht für Syrer ein, die über den Luft- oder Seeweg ins Land kommen und weiter in die EU fliehen wollen. Damit soll nach Angaben des Außenministeriums die Einreise von Flüchtlingen über Drittstaaten, etwa Ägypten, eingedämmt werden. Syrern, die über den Landweg in das Nachbarland Türkei flüchten wollten, stünden die Grenzen jedoch weiter offen, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums. Nach Angaben von Menschenrechtlern und syrischen Aktivisten fingen aber Grenzsoldaten die Flüchtlinge an der Grenze ab und schickten sie zurück. (dpa)
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