Dunkle Ängste

Wir waren in den 40 Jahren hinter dem Eisernen Vorhang nicht daran gewöhnt, mit Fremden zusammenzuleben.

Prag fühlt sich von den westlichen EU-Staaten ungerecht behandelt und ist unzureichend auf eine große Zahl von Flüchtlingen vorbereitet. Die Angst vor Fremden geht um und treibt seltsame Blüten.

Der aufgeregte Anruf einer jungen Studentin bei der Polizei im westböhmischen Domazlice (Taus) schreckte die Beamten gehörig auf: auf der Straße spaziere ein "schwarz gekleideter Flüchtling mit einem Maschinengewehr über der Schulter" herum. Die Spannung löste sich in Wohlgefallen auf. Der vermeintliche Flüchtling war ein Schornsteinfeger in Arbeitskluft. Die "Maschinenpistole" war sein Handwerkszeug zum Durchputzen der Schlote.

Im mittelböhmischen Mlada Boleslav (Jungbunzlau) nahm die Polizei zur gleichen Zeit um ein Haar drei dunkelhäutige Neuzugänge des dortigen Fußball-Erstligaklubs fest. Die waren von "aufmerksamen Bürgern" gemeldet worden, die offenbar meinten, die jungen Männer seien aus einem Abschiebelager ausgebrochen.

Hysterie durch Geschichte

"Der Anstieg hysterischer Anrufe bei uns ist enorm", heißt es bei der Polizei. Diese Panikanrufe belegen, wie tief die Furcht bei vielen Tschechen vor jeder Art von Fremden sitzt. "Wir waren in den 40 Jahren hinter dem Eisernen Vorhang nicht daran gewöhnt, mit Fremden zusammenzuleben", versucht Außenminister Lubomir Zaoralek am Dienstag in der "Hospodarske noviny" den schwer erschütterten tschechischen Seelenfrieden zu erklären. Ein Spezifikum, das man im Westen Europas nur schwer nachvollziehen könne.

Die Ängste in der Bevölkerung wachsen, seit Deutschland an der Grenze zu Österreich wieder Kontrollen eingeführt hat. Den Tschechen reicht ein Blick auf die Landkarte, um zu ahnen, dass jetzt womöglich Zehntausende Asylsuchende über Tschechien nach Deutschland zu kommen versuchen. Die Masse würde schärfsten Grenzkontrollen zustimmen. Drei Viertel der Tschechen sagen, sie bräuchten die Schengen-Freiheit nicht wirklich. Die Regierung hat bislang lediglich 200 Polizisten an die Grenze zu Österreich geschickt. Die griffen am Montag 21 Asylsuchende auf. Sollten die Zahlen niedrig bleiben, wird man Maßnahmen nicht verschärfen, heißt es in Prag.

"Sogwirkung" befürchtet

Premier Bohuslav Sobotka und Innenminister Milan Chovanec werden nicht müde, die effektive Sicherung der EU-Außengrenze einzufordern. Die Lücken dort stellten eines der Hindernisse dar, einer Quotenlösung für die Verteilung der Flüchtlinge zuzustimmen. "Quoten lösen unter diesen Umständen nur eine Sogwirkung aus", sagen sie. Nach ihrer Überzeugung würden sie nicht funktionieren.

Tschechien sei nicht in der Lage, den Asylsuchenden Bedingungen zu bieten wie Deutschland, meint Chovanec. "Wer nach Tschechien kommt, schläft hier eine Nacht und macht sich am Tag darauf auf den Weg zu den westlichen Nachbarn." Dazu kommt, dass über Jahre keine Vorsorge für einen Flüchtlingsansturm getroffen wurde. Es herrscht schlichtweg Ahnungslosigkeit, wie man damit umgehen soll, schrieb eine Prager Zeitung. Man sei an Vorschriften gewöhnt, wie reagiert werden müsse.

Zwei Abgeordnete eines Prager Stadtbezirks versorgten dieser Tage Flüchtlinge, die aus einem Abschiebelager lediglich mit der Aufforderung entlassen wurden, das Land rasch zu verlassen, mit Essen, Unterkunft und Fahrkarten. Im Krisenfall, da sind sie sicher, "würde es hier ähnlich aussehen wie kürzlich noch auf dem Bahnhof in Budapest".
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