Ein Flüchtling, ein Foto mit Merkel und die harte Wirklichkeit
Das Leben Saouans nach dem Selfie mit Merkel

Ein Bild geht um die Welt: Das Selfie eines Flüchtlings mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am 10. September 2015. Bild: dpa

Berlin. Die Kontaktaufnahme gelingt auf Deutsch. Seit fünf Monaten geht Rodin Saouan zum Unterricht, montags bis freitags jeweils vier Stunden. Grundkenntnisse hat er schon. Das liegt auch an seiner deutschen Freundin. Stolz stellt er sie bei dem Treffen in Alt-Tegel in Berlin vor. Es geht um die Bilanz eines Flüchtlings aus Damaskus, eines 26-jährigen Bauernsohnes, der nicht den Krieg, sondern die Zukunft suchte, als er im Dezember 2014 sein Land verließ.

Saouan ist einer der wenigen Männer, die am 10. September 2015 vor der Erstaufnahmeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt in Berlin-Spandau mit dem Handy ein Foto von sich und Angela Merkel machen konnten. Das schafften damals nur noch ein paar weitere Flüchtlinge wie der Iraker Schakir Kedida. Dessen Gesicht ist viel bekannter, weil er seine Wange so nah wie möglich an die von Merkel drückte.

Die Euphorie der Männer war an dem Tag groß. Merkel kannten sie schon vorher von Bildern, sie war für sie die Retterin in der Not. Die, die die Tür nicht zuschlug, als sie um Hilfe baten. Und nun lief diese Frau an ihnen vorbei. Mama Merkel. Bewacht von Bodyguards. Erst waren es nur Fotos aus der Distanz. Dann liefen sie so nah wie möglich neben dem Tross her. Merkel gab ihren Sicherheitskräften ein Zeichen, dass sie nicht eingreifen müssen. Sie fühlte sich nicht bedroht.

Merkel gewährte Selfies, lächelte auch, ahnte aber nicht, dass Kedida gleich seinen Arm um ihre Schultern legt. Die Kanzlerin machte eine Abwehrbewegung. Schnell waren ihre Personenschützer zur Stelle. Das Ganze währte nur kurz, aber die Selfies gingen um die Welt. Saouan kam im arabischen Nachrichtensender Al Jazeera zu Ruhm, berichtet er heute. Merkel brachten die Selfies dagegen viel Kritik ein. Sie habe damit weitere Flüchtlinge angelockt, wird ihr bis heute vorgeworfen.Was hat Rodin Saouan damals empfunden? Zur besseren Verständigung ist bei dem Gespräch eine ehrenamtliche Sprachmittlerin dabei, Frau Y, sie möchte anonym bleiben. Vor fast 30 Jahren kam sie aus Syrien nach Deutschland. Sie kennt beide Seiten, beide Länder, beide Religionen.

Saouan erzählt, dass er so stolz auf sein Foto mit Merkel war - und noch ist. Er hatte es gleich seinen Eltern geschickt. Die Botschaft war: "Jetzt bin ich in Sicherheit, ich bin bei Merkel." In Syrien habe sich auch vor dem Krieg niemand auf der Straße bewegen dürfen, wenn der Präsident im Auto vorbeifuhr. Nie wäre für normale Menschen ein Foto mit ihm möglich gewesen. Aber Merkel sei ganz normaist wirkt irritiert, als er hört, dass für Deutsche Selfies mit der Bundeskanzlerin keineswegs üblich sind.

Saouan will alles richtig machen. Er wolle auch die deutsche Kultur und die Selbstbestimmtheit der Frauen akzeptieren, sagt er. Seine Begeisterung für Deutschland ist aber getrübt. Er hätte nicht gedacht, dass alles so schwierig hier ist. "Für Saubermachen brauche ich doch nicht den Sprachkurs C1", sagt erden zweithöchsten von insgesamt sechs Deutschprüfungen.

Manchmal hat er Heimweh, findet seine Flucht sinnlos. "Ich hatte in Syrien keine Zukunft, aber in Deutschland habe ich vielleicht auch keine." Er darf bis zum 23. März 2019 bleiben. Er will unbedingt eigenes Geld verdienen. Geflohen sei er, weil er Angst hatte, in den Krieg ziehen und töten zu müssen. Oder getötet zu werden. 5000 Dollar habe seine Flucht gekostet, 1300 davon waren für die Schlepper, die ihn und 44 andere Flüchtlinge von der Türkei in einem Schlauchboot über die Ägäis nach Griechenland gebracht hätten.
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