Eine Österreicherin und ein Oberpfälzer zu den Wahlen in Österreich
Erschrecken, verstörend

Tobias Mirwald. Bild: privat (Foto: privat)
 
Martina Leithenmayr. Archivbild: wil

Der Wahlkrimi in Österreich ist zu Ende - mit einem äußerst knappen Ergebnis. Eine Watschn für die Volksparteien SPÖ und ÖVP. Wie hat sich die Stimmung im Land verändert?

Weiden/Wien. Der Grünen-Kandidat Alexander Van der Bellen hat das Blatt für sich drehen können. Bei der ersten Abstimmung hatte der FPÖ-Mann Norbert Hofer noch deutlich geführt. Erstmals in der Geschichte der Republik Österreich schien es möglich, dass ein Rechtspopulist das höchste Amt des Staates bekleidet. Unsere Zeitung hat zwei Menschen gefragt, wie sie diese Situation erleben: eine in der Oberpfalz lebende Österreicherin und einen in Österreich lebenden Oberpfälzer.

Künstlerin Martina Leithenmayr aus Steyer lebt seit vielen Jahren in der Oberpfalz und sagt: "Für mich ist erschütternd, was da abläuft." Vor allem das Erstarken der rechtspopulistischen FPÖ ist für sie erschreckend und rätselhaft. Denn in der Flüchtlingspolitik habe sich Österreich anders verhalten als Deutschland: "Deutlich vorsichtiger, nicht mit offenen Armen." Die Regierung könne die Leute doch "gar nicht so verunsichert haben ", dass sie kein Vertrauen mehr hätten.

Respekt und Achtung


Zwar ist auch Leithenmayr der Ansicht, dass den Flüchtlingen vor Ort in ihren Herkunftsländern geholfen werden müsse. "Aber auch wir müssen etwas tun." Jeder Mensch verdiene Achtung und Respekt . "Ich verstehe einfach nicht, dass man einer Regierung so dermaßen das Misstrauen ausspricht." Weder die Grünen noch die FPÖ hätten Anteil an der Entwicklung des Landes gehabt, dem es eigentlich gut gehe. Leithenmayr vermutet deshalb auch eine große Grundunzufriedenheit und Angst bei den Österreichern.

Einen ähnlichen Grund sieht Tobias Mirwald . "Die Großparteien SPÖ und ÖVP haben komplett versagt, haben nichts vorangebracht. Darüber sind viele im Land verärgert." Der aus Ammerthal (Kreis Amberg-Sulzbach) stammende junge Mann arbeitet als Abteilungsleiter im Online-Marketing bei einem Tochter-Unternehmen der Otto-Gruppe und lebt seit 2007 in Österreich. Verstörend war für ihn, "dass so viele Leute eine solche Partei überhaupt wählen". Er meint damit die FPÖ. "Es ist erschreckend, was da für eine Denke herrscht." Leute hätten sich selbst bewaffnet, weil sie "dachten, sie werden von Flüchtlingen überfallen". Viele Menschen hätten Angst, ihnen werde etwas weggenommen. Gleichzeitig erschließt sich die FPÖ breite Wählerschichten. Er kenne Leute aus dem früherem Jugoslawien, die gut integriert sind, und für die FPÖ waren. "Schon etwas seltsam." Dazu kommt das Verhalten der Regierung bei der Flüchtlingsproblematik. "Sie hätte das mehr voraussehen müssen. Die Menschen standen ja von heute auf morgen an den Grenzen."

Am Ende auswandern?


Wegen des Erstarkens der FPÖ beschleicht Mirwald auch aus persönlich Gründen ein "sehr unangenehmes Gefühl". Er habe einen dunklen Teint, sein leiblicher Vater sei Amerikaner. Sollte in zwei Jahren bei der Nationalratswahl die FPÖ weiter erstarken, würden er und seine Frau ernsthaft in Erwägung ziehen, auszuwandern. Im Gegensatz zu ihr, einer Österreicherin, hat er als deutscher Staatsbürger kein Wahlrecht auf Bundesebene.

Stimmung aus Weiden am See"Da wollten's den zwei großen Parteien eins auswischen", sagt Wilhelm Schwartz. Er ist Bürgermeister der Weidener Partnergemeinde Weiden am See, im Burgenland südöstlich von Wien gelegen, und gehört der Österreichen Volkspartei (ÖVP) an. Viele Österreicher hätten aus Protest eben nicht ÖVP oder SPÖ gewählt. "Unsere Fraktion hat viel gegen die eigene Klientel entschieden", sagt Schwartz im Gespräch mit unserer Zeitung und nennt eine Steuerreform, die "nach hinten los gegangen ist", sowie die Einführung der Registrierkassenpflicht für kleine Betriebe. Im Weinanbaugebiet um den Neusiedler See seien davon auch die Buschenschenken betroffen. "Jeder überlegt aufzuhören", erklärt Schwartz. In der Flüchtlingspolitik der Regierung habe sich Wien zu spät umentschieden. Der inzwischen zurückgetretene Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) habe sich lange an "Frau Merkel gehalten, obwohl sie von der anderen Partei ist". (räd)
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