Eine Welle antisemitischer Gewalt

Zusammen mit dem israelischen Botschafter in Paris Yossi Gal (Vierter von links) besuchte der französische Präsident François Hollande (Fünfter von links), den verwüsteten jüdischen Friedhof von Sarre-Union. Dabei begleiteten ihn Großrabbiner Rene Gutman (Mitte), der Bürgermeister von Sarre-Union Marc Sene (Fünfter von rechts) und der Sprecher der französischen Nationalversammlung Claude Bartolone (rechts). Bild: dpa

In Frankreich hat der Antisemitismus dramatisch zugenommen. Immer wieder machen brutale Aktionen gegen Juden Schlagzeilen. Kein Wunder, dass dadurch die Zahl der nach Israel auswandernden Juden massiv zunimmt.

Kein Monat vergeht in Frankreich ohne erschreckende Übergriffe auf Juden und ihren Alltag. Es vergeht auch keine Woche ohne beschwörende Äußerungen der Politiker: Sie rufen das Land händeringend auf, sich vereint dem Antisemitismus entgegenzustellen - es müsse ein "Ruck" durch die Nation gehen. Unter den Juden wachsen unterdessen die Angst und der Wunsch, nach Israel auszuwandern. Immer wieder lockt auch der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu sie - nach jedem größeren Zwischenfall lädt er sie ein, Frankreich nun den Rücken zu kehren. Das akzeptiert der französische Staatschef François Hollande nicht.

"Nein zum Antisemitismus, dem Krebs unserer Gesellschaft." So hieß es im Dezember als Antwort auf den "Horror von Créteil": Bewaffnete Männer hatten in dem Pariser Vorort bewusst ein jüdisches Paar tyrannisiert und ausgeraubt. Die Frau wurde vergewaltigt. Schon damals versprach Innenminister Bernard Cazeneuve, den Kampf gegen den Rassismus und Antisemitismus zur "nationalen Sache" zu machen und die Juden im Land zu schützen.

Friedhof verwüstet

Dann waren Anfang Januar bei der islamistischen Anschlagsserie in Paris vier Juden in einem Geschäft für koschere Lebensmittel ermordet worden. Und jetzt, fast zeitgleich mit den Attacken in Kopenhagen verwüsten fünf Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren mehrere Hunderte jüdische Gräber auf dem elsässischen Friedhof von Sarre-Union. Einer der Jugendlichen habe sich gestellt. Er soll auch die anderen Verdächtigen belastet haben sagte Staatsanwalt Philippe Vannier am Montag. Alle fünf Jugendlichen stammen laut Staatsanwalt aus der elsässischen Region, auch ihre Familien sind aus der Gegend.

Die Verdächtigen sollen antisemitische Motive ausgeschlossen haben. Doch Hollande sagte am Dienstag bei der Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof, die Vandalen hätten "sehr gut gewusst, was sie da tun". Es sehe aus, "als ob eine Armee hier durchmarschiert ist". Insgesamt wurden 250 Gräber geschändet. Auch ein Denkmal für die Opfer des Holocausts am Eingang des Friedhofs ist beschädigt worden. Der Friedhof war bereits zum dritten Mal Ziel von Vandalen. 1988 wurden dort 60 Stelen umgeworfen, im Jahr 2001 mehr als 50 Gräber verwüstet.

Antisemitismus, offener und unterschwelliger, hat in Frankreich eine lange Geschichte - im Land lebt mit über 500 000 Menschen die größte jüdische Gemeinde Europas. "Die Juden haben ihren Platz in Europa und in Frankreich im besonderen", stellt Hollande dem neuerlichen Werben Netanjahus entgegen. "Frankreich will nicht euren Fortzug", sagte Regierungschef Manuel Valls an die Adresse der Juden. Die politische Klasse verurteilte einhellig und eindeutig den Vandalismus im Elsass - auch Marine Le Pen von der rechtsextremen Front National tat dies.

Die Statistik weist auf einen "neuen Antisemitismus" hin. Die Flut von Attacken auf Juden hat sich im Jahr 2014 mehr als verdoppelt. Besonders dramatisch zugenommen haben dabei gewalttätige Übergriffe. Israels Gaza-Krieg im Sommer 2014 hat vor allem Muslime empört.

Die Bilder von Tod und Verderben der Palästinenser gelten als eine Triebkraft für antisemitische Attacken: Bei pro-palästinensischen Kundgebungen sind Synagogen das Ziel von Gewalt. Großrabbiner Haim Korsia sah bei solchen Aktionen im Land auch islamische Hassprediger als Antreiber. Andere vermuteten Extremisten von rechts und links am Werk, die mit Islamisten gemeinsame Sache gegen Juden machen.

6000 Juden emigriert

Mit mehr als 6000 emigrierten Juden lag Frankreich 2014 erstmals an der Spitze der Länder, aus denen nach Israel ausgewandert wird. Übergriffe und Attacken auf sie gab es in dem Jahr überwiegend in Städten wie Paris, Marseille, Lyon, Toulouse, Straßburg und Nizza. Nun schützt Militär Tausende jüdische Einrichtungen.

"Die jüdischen Gemeinden (in Europa) stehen vor einem existenziellen Dilemma", schrieb ein Kommentator der israelischen Zeitung "Haaretz". "Kann man in einer Realität der ständigen Bedrohung weiter ein offenes und freies jüdisches Leben führen?" Ja, sagt dazu der Zentralrat der Juden in Deutschland. Allerdings sollten die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz jüdischer Einrichtungen nochmals kritisch überprüft werden, forderte Zentralratspräsident Josef Schuster.

Ähnlich äußerte sich der dänische Oberrabbiner Jair Melchior. Juden könnten nach Israel auswandern, weil sie den jüdischen Staat liebten, "aber nicht, weil sie Angst haben, in Dänemark zu leben".
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.