Enttäuscht und verbittert

Michail Gorbatschow, hier im November 2014 bei einem Besuch in Berlin, hat mit einem neuen Buch eine ernüchterte Bestandsaufnahme der aktuellen politischen Weltlage vorgelegt. Der frühere Staatspräsident der Sowjetunion kritisiert vor allem den Umgang von EU und Nato mit Russland. Archivbild: dpa

25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung zieht der Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow in seinem neuen Buch eine düstere Bilanz zur Lage in Europa. Vor allem die USA und die Nato kritisiert er ungewöhnlich scharf.

Als einer der "Väter der Deutschen Einheit" mag sich Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow (84) so gar nicht zufriedengeben mit dem aktuellen Verhältnis zwischen Berlin und Moskau. Überwunden sei das Erbe des Kalten Krieges auch 25 Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten nicht, schreibt der Friedensnobelpreisträger in seinem autobiografischen Buch "Das neue Russland", das heute in Deutschland erscheint. Die Lösung sieht der Politiker in gemeinsamen Initiativen von Russland und Deutschland beim Aufbau eines "vereinten Europas". Doch die Zeichen dafür stehen zumindest derzeit nicht gut.

Abrechnung auf 560 Seiten

"Anstatt sich zum Vorreiter der Veränderungen in der globalen Welt zu entwickeln, ist Europa zum Schauplatz von politischen Unruhen, Konkurrenz um Einflusszonen und einer militärischen Auseinandersetzung geworden", schreibt der Politiker mit Blick auf den Konflikt in der Ukraine. Europa sei geschwächt und ziellos, meint er.

"Posslje Kremlja" ("Nach dem Kreml") heißt der 560-Seiten-Wälzer in der russischen Originalausgabe von 2014. Darin zeichnet "Gorbi", wie er von vielen Deutschen genannt wird, nicht nur das eigene schmerzhafte Scheitern und den Zerfall der Sowjetunion nach. Er zieht vor allem kritische Bilanz zur Lage in Russland und in der Welt. Es ist auch eine verbitterte Abrechnung eines Politikers, der lange Zeit in der Wahrnehmung vieler Russen als eine Art "Agent" des Westens galt und vor allem in Abrüstungsfragen deutlich auf die USA zuging - am Ende nun aber enttäuscht zurückbleibt. 25 Jahre nach dem Mauerfall liegt Gorbatschow nun eher auf Kreml-Linie, wenn er dem Westen die Schuld an neuen geopolitischen Spannungen gibt. "Die Erweiterung der Nato erschütterte die Grundlagen der europäischen Ordnung", lautet eine der Thesen.

Auch Lob für Putin

Es ist ein alt gewordener und von Krankheiten geschwächter Gorbatschow, der hier anscheinend versucht, seinen Frieden mit seiner russischen Heimat zu machen. "Es ist höchste Zeit, dass der Westen versteht: Jeder Druck auf Russland bringt nichts außer Schaden", schreibt er an einer Stelle.

Präsident Putin bescheinigt er einmal mehr autoritäre Tendenzen, lobt aber auch dessen "Willenskraft, Geist, Selbstdisziplin, die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und Gegenschläge durchzustehen".
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