Erdüberlastungstag
Leben auf Pump ab 8. August

Ab heute leben wir auf dem Acker Erde auf Pump. Bild: dpa

Tag für Tag bringt die Natur Erstaunliches zustande, aber eines kann sie nicht: Sich unendlich regenerieren. Im Schnitt leben Deutsche mit ihrer Öko-Bilanz weit über ihre Verhältnisse. Am heutigen Montag rutscht die ganze Welt für dieses Jahr ins Minus.

Von Teresa Dapp, dpa

Berlin. Die schwarze Null muss stehen im Haushalt, da ist der Bundesfinanzminister bekanntlich unerbittlich. Die Deutschen sollen nicht auf Pump leben: Ausgegeben wird nur, was da ist. Geht es nicht ums Geld, sondern um den Verbrauch von Ressourcen wie Wasser, Wald und Fläche, sieht es mit der deutschen Disziplin längst nicht so gut aus. Eigentlich war schon Ende April alles aufgebraucht, was die Natur in einem Jahr regenerieren kann. An diesem Montag ist es für die gesamte Weltbevölkerung so weit: Sie hat alles gerodet, gegessen und verschmutzt, was ihr für 2016 zusteht. Von Nachhaltigkeit keine Spur.

Was bedeutet das? Überfischte Meere, Artensterben, Erosion fruchtbarer Böden, Gift in Wasser, Boden und Luft, Klimawandel. Und damit auch: Hunger, Hochwasser, Dürren und andere Katastrophen. Das preisgekrönte Netzwerk Global Footprint hat errechnet, dass die Bevölkerung der Erde bei ihrem derzeitigen Lebensstandard 1,6 Planeten bräuchte.

"Weiter so" keine Option


Und es wird immer schlimmer. Denn obwohl das Prinzip Nachhaltigkeit heute eigentlich überall gepriesen wird, rutscht der "Erdüberlastungstag" immer weiter nach vorn. Im Jahr 2000 war es noch der 1. Oktober, vergangenes Jahr der 13. August, jetzt ist es der 8. August. Läuft es weiter wie bisher, sind die Ressourcen im Jahr 2030 schon am 28. Juni aufgebraucht.

Wie kann das sein, wo das Problem doch seit Jahrzehnten bekannt ist? "Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt", damit machten die Grünen schon 1983 Wahlkampf. 1992 gab es dann in Rio de Janeiro mit der Agenda 21 ein großes Bekenntnis zur Nachhaltigkeit von mehr als 170 Staaten. Zehn Jahre später legte die Bundesregierung eine "nationale Nachhaltigkeitsstrategie" vor, die gerade überarbeitet wird, eine UN-Agenda 2030 gibt es seit vergangenem Herbst.

An Bekenntnissen der Politik fehlt es in Deutschland auch nicht. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sagte zum "Erdüberlastungstag": "Ein Weiter so ist keine Option." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte kürzlich "enkeltaugliche" Entscheidungen der Politik an. Merkels Regierungsentwurf zur Nachhaltigkeit kommt aber bei vielen nicht gut an. Er gehe "allzu oft den Weg des geringsten Widerstandes" und sei "nicht konsequent", bemängeln etwa die Experten des Nachhaltigkeitsrats, die die Bundesregierung beraten. Ähnlich sehen es Organisationen wie WWF oder Germanwatch: mutlos, konfliktscheu, unverbindlich.

Konto seit April überzogen


"Seit über 30 Jahren häufen wir jährlich neue Schulden an", warnt WWF-Vorstand Eberhard Brandes. "Wir müssen endlich einen Weg finden, in den natürlichen Grenzen unseres Planeten zu leben und zu wirtschaften. Das ist die größte Herausforderung unserer Zeit."

Deutschland hat sein ökologisches Länderkonto in diesem Jahr bereits am 28. April überzogen. Nach Angaben der Umweltschutzorganisation Germanwatch lag das vor allem am hohen Kohlendioxid-Ausstoß bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas für Energie und Verkehr.

Würden alle Menschen so leben und wirtschaften wie die Deutschen, wären drei Erden notwendig, um den Bedarf an Ressourcen zu decken, errechneten die Umweltschützer. Bei einem weltweiten Konsum- und Lebensstil wie in den USA wären sogar 4,8 Erden nötig - bei einem Leben wie in Indien dagegen nur 0,7.
3 Kommentare
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Dr. Peter Steinbock aus Eschenbach in der Oberpfalz | 08.08.2016 | 00:36  
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Maria Estl aus Pullenreuth | 08.08.2016 | 10:51  
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