"Erinnern ist nicht genug"

Die Zeremonie zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung fand direkt vor dem Lagertor statt, durch das damals die Züge mit den Todgeweihten hineinrollten. Ein riesiges, blau beleuchtetes Zelt überspannte die Gedenkfeier. Bilder: dpa

Es war die Stunde der wenigen Überlebenden. Ihr ergreifendes Zeugnis stand im Mittelpunkt der Gedenkfeier in Auschwitz. Die meisten Politiker schwiegen. Bundespräsident Gauck hatte schon morgens im Bundestag gesagt, was ihm wichtig war.

Bundespräsident Joachim Gauck war gerade angekommen in Oswiecim, dem Ort, den die Deutschen und die Welt als Auschwitz kennen. Er war ein paar Meter durch den Schneematsch gestapft und hatte Platz genommen im riesigen Zelt, das die Staatsgäste und Zeitzeugen vor Kälte und Nieselregen schützte. Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski ergriff das Wort, der einzige Politiker, der an diesem Nachmittag sprechen sollte, und er bezog sich nicht nur auf die Vergangenheit.

"Zivilisation zerstört"

Komorowski beschrieb Auschwitz als jenen Ort, an dem "die menschliche Zivilisation zerstört wurde" und die Nazis eine barbarische Industrie des Todes errichteten. Aus der Erinnerung an diese Schrecken erwachse die Pflicht, heute jeder Form von Gewalt und Rassismus entgegenzutreten. "Erinnern wir uns daran, wozu der Bruch internationalen Rechts auf Selbstbestimmung von Nationen führt", sagte er, und niemand konnte missverstehen, was der Pole meinte: Russland und den Konflikt in der Ukraine.

Es waren Soldaten der Roten Armee, die am 27. Januar 1945 das deutsche Vernichtungslager Auschwitz befreiten, wo mehr als eine Million Menschen ermordet wurden. Ausdrücklich sprach Komorowski von Dankbarkeit und Wertschätzung für diese Soldaten, die ihr bestes getan hätten, die dem Tode nahen Häftlinge zu retten.

Wo war Putin?

Der russische Präsident Wladimir Putin war nicht unter den Staats- und Regierungschefs, die des historischen Ereignisses gedachten. "Nicht eingeladen", wie der Kreml behauptet. "Einfach nicht gekommen", wie die Polen meinen. Putin war der große Abwesende des Gedenkens. Anwesend war aber der ukrainische Präsident Pedro Poroschenko. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, die die Feier organisierte, hat nach eigenen Angaben keine Staats- und Regierungschefs eingeladen. Es sei jedem freigestellt, zu kommen.

Und doch konnten die internationalen Krisen das Gedenken nicht überschatten, denn drei Überlebende legten Zeugnis ab: Halina Birenbaum, Kazimierz Albin und Roman Kent. "Erinnern ist nicht genug", sagte Kent unter Tränen. "Wir müssen unsere Kinder Toleranz und Verständnis lehren". Hass sei niemals richtig. "Und Liebe niemals falsch." Im Lager seien ihm wegen der immerwährenden Erniedrigungen und Gewalttaten Minuten wie Tage, Tage wie Monate und Monate wie Ewigkeiten vorgekommen. "Und wie viele Ewigkeiten kann ein Mensch in einem Leben ertragen?"

Wenige Stunden zuvor hatte Gauck im Bundestag gesprochen. Gedenktage könnten zu einem Ritual erstarren, sagte er da. Zu einer leeren Hülle, gefüllt mit den stets gleichen Beschwörungsformeln. Doch das geschah am Dienstag in Auschwitz nicht. Auch eine Dokumentation des US-Regisseurs Steven Spielberg, der an der Gedenkfeier teilnahm, über das Grauen von Auschwitz, die industrielle Vernichtung von Menschenleben, trug zur hoch emotionalen Atmosphäre bei.

Ronald Lauder, Präsident des World Jewish Congress, mahnte die versammelten Politiker und Staatsoberhäupter, neu aufkeimenden Antisemitismus entschiedener zu bekämpfen. "70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz weht ein neuer Sturm des Antisemitismus durch Europa."
Weitere Beiträge zu den Themen: Politik (7296)Oswiecim (1)Januar 2015 (7958)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.