Erwin Müller liefert neue Erkenntnisse zum Kriegsende in Kemnath am Buchberg
Betrunkener US-Soldat ballerte

Nachdem am 20. April 1945 auf Kemnath Phosphorbomben gefallen waren, standen in der abgebrannten Ortschaft von vielen Häusern nur noch die Außenmauern. Vieles, was sich rund um das Kriegsende hier abgespielt hat, kennt Erwin Müller aber aus Erzählungen von Zeitzeugen anders, als es bisher dargestellt wurde. Repro: sh

Erwin Müller war nicht selbst dabei, als am 20. April 1945 der Zweite Weltkrieg in Kemnath mit einem Inferno zu Ende ging. Doch seine Mutter hat als 16-Jährige alles miterlebt. Und das, was sie aus ihrem guten Gedächtnis weitergibt, stimmt mit dem überein, was er auch von anderen Zeitzeugen immer wieder gehört habe, sagt Erwin Müller, der heute in Sulzbach-Rosenberg lebt. Da es aber in einigen Punkten von der Darstellung abweicht, die sich am 20. April 2015 in unserer Zeitung fand, soll Erwin Müller hier selbst zu Wort kommen. Er schreibt in einem Brief an die AZ:

"Am 20. April 1945 zog eine SS-Einheit, von Schnaittenbach kommend, in Richtung Nabburg. Da noch keine Umgehungsstraße existierte, musste sie durch Kemnath fahren. Sie wurde, von amerikanischen Aufklärungsflugzeugen begleitet, deren Piloten zweifelsfrei erkennen konnten, dass diese fliehende Truppe keine Anstalten machte, das Dorf zu besetzen oder gar zu verteidigen.

Zweijähriges überlebt

Diese Kolonne kam nur sehr langsam vorwärts, zumal ein von Pferden gezogenes Geschütz mitgeführt wurde, das später neben der Kreisstraße nahe der B 14 zurückgelassen wurde. Es war auch ein Arzt dabei, dessen Hilfe in Anspruch genommen wurde. Er behandelte ein an Lungenentzündung schwer erkranktes zweijähriges Kind einer Flüchtlingsfamilie, das im Elternhaus meiner Mutter untergebracht war. Man befürchtete schon, das Kind werde sterben, doch es überlebte.

SS wehrt sich nicht

Um circa 17 Uhr griffen Tiefflieger an. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich lediglich fünf bis sieben Militärfahrzeuge im Ort. Die Kolonnenspitze hatte Kemnath schon lange passiert und war Richtung Nabburg unterwegs, das Ende reichte bis zur B 14. Es wurden Bomben abgeworfen, worauf viele Gebäude und auch der Kirchturm in Flammen aufgingen. Die SS-Angehörigen versteckten sich und wehrten sich nicht. Viele Tiere verbrannten in den Ställen und starben einen qualvollen Tod, während der große Führer in seinem bombensicheren Bunker in Berlin seinen letzten Geburtstag feierte.

Die Zerstörung Kemnaths war militärisch gesehen absolut sinnlos und obendrein völkerrechtswidrig, nachdem sich dieser Ort nicht verteidigte. Auch Zivilisten wurden gezielt beschossen. Ein älterer Mann arbeitete mit seinem Ochsengespann circa einen Kilometer nördlich vom Ortsrand auf einem Feld und versuchte sich mit seinen Tieren in einem nahen Unterholz zu verstecken. Sein Leben konnte er zum Glück retten, doch sogar in dieser Deckung wurde ein Rind gezielt getötet, dem anderen ein Bein abgeschossen.

Am Sonntag, 22. April, wurde Kemnath um circa 14 Uhr von einer aus Richtung Holzhammer kommenden amerikanischen Einheit kampflos besetzt. Die Soldaten begannen sofort die Häuser zu durchsuchen und nahmen alle Wertgegenstände mit, die sie entdeckten. In einem am nordwestlichen Ortsrand befindlichen Haus fanden sie Schnaps. Sie öffneten auch Gläser, in denen sich eingemachtes Hundefutter befand, und probierten davon. Der aus Schlachtabfällen bestehende Inhalt soll ihnen aber nicht geschmeckt haben, so dass noch genug für die Hunde übrig blieb. Die für ihre Tierliebe bekannte Hundebesitzerin hat dies persönlich meiner Mutter erzählt.

Eine zweite US-Einheit

Ein betrunkener Soldat, der reichlich von dem erbeuteten Schnaps getrunken hatte, ging hernach fast zwei Stunden lang durch das Dorf und schoss laufend sinnlos in die Luft. Die Leute fühlten sich bedroht und wagten sich nicht mehr aus den Häusern. Um 17 Uhr näherte sich eine weitere US-Einheit aus Richtung Sitzambuch (nicht Neunaigen) und gab einige Warnschüsse ab.

Der betrunkene Soldat im Ort hörte jedoch nicht auf zu schießen, wodurch offensichtlich der Eindruck entstand, das Dorf würde sich verteidigen. Es wurde ein heftiges und länger andauerndes Feuer eröffnet. Die im Ort befindlichen amerikanischen Soldaten verkrochen sich, wie zwei Tage zuvor die SS-Männer. Dabei gingen nochmals zwei Nebengebäude der Anwesen Ott und Grill in Flammen auf. Erst als einige mutige französische Kriegsgefangene mit an Stangen befestigten weißen Tüchern den Angreifern entgegengingen, wurde das Feuer eingestellt.

Kaum Alkohol

Es gab also keine versprengten und auf Amerikaner ballernde deutsche Soldaten, die sich in der Brauerei Meßmann einquartiert hatten und versuchten, das Problem des verlorenen Krieges mit Alkohol zu lösen. Die Lebensmittelknappheit wirkte sich damals auch auf den Alkoholgehalt des Bieres aus, trotz der Braukunst des Herrn Meßmann. Hätten diese angeblichen Soldaten dies wirklich versucht, so würden sie heute noch im Bierkeller sitzen und vergeblich darauf warten, dass der Alkohol dieses Dünnbieres Wirkung entfaltet.

Wie stand doch so eindeutig in der auch von Amerika unterzeichneten Haager Landkriegsordnung zu lesen: Plünderung ist ausdrücklich untersagt und das Privateigentum darf nicht eingezogen werden! Die Familie Piehler (Landmaschinen Piehler) musste ihr Haus auf Weisung der Besatzungsmacht verlassen, obwohl ihre Kinder an Masern erkrankt waren. In der Küche wurde eine Schreibstube eingerichtet. Die vierjährige Irmgard bekam eine Lungenentzündung und starb. So war mittelbar doch ein Todesopfer zu beklagen. Der von allen Seiten erbarmungslos und unter Verletzung internationalen Rechts geführte Krieg hatte sich auch hier sein Opfer - wie so oft - unter den Schwächsten ausgesucht."
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