Fataler Luftangriff

Das von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen veröffentlichte Bild soll das Krankenhaus in Kundus nach der Attacke zeigen. Am Boden sind zum Teil glühende Trümmer zu sehen. Bild: dpa

Es ist wahrscheinlich einer der schlimmsten Fehlschläge der Nato in Afghanistan. Ein Krankenhaus wird bombardiert, offenbar von der US-Armee. Mindestens 22 Menschen sterben. Im nordafghanischen Kundus herrscht weiter Chaos.

Der Bombenangriff auf eine Klinik der Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) sorgt weltweit für Entsetzen und bringt dem US-Militär harsche Kritik ein. Der Präsident von MSF, Meinie Nicolai, sprach von einem "schweren Bruch des Völkerrechts" und forderte eine unabhängige Untersuchung. Die Hilfsorganisation wies Vorwürfe zurück, islamistische Taliban hätten in der Klinik Unterschlupf gefunden.

Die US-Luftwaffe hatte die Klinik in der Nacht zum Samstag offensichtlich aus Versehen bombardiert. Die Bomben töten mindestens zwölf Helfer und zehn Patienten, darunter drei Kinder. Alles deutet darauf hin, dass die Sprengkörper von US-Militärflugzeugen abgeworfen wurden. "Ärzte ohne Grenzen" berichtet von gezielten Angriffen auf das zentrale Krankenhausgebäude. Es sei bei jedem Angriff sehr präzise getroffen worden, umliegende Gebäude dagegen fast unbeschädigt geblieben.

"Kollateralschaden"

Die Organisation gibt in Kriegsgebieten routinemäßig die Koordinaten ihrer Krankenhäuser an alle Konfliktparteien weiter. Das geschah auch in Kundus zuletzt am 29. September, einen Tag, nachdem die radikalislamischen Taliban in die Stadt mit ihren 300 000 Einwohnern einmarschierten und die zentralen Gebäude einnahmen. Ein tragischer Irrtum also? Die US-Streitkräfte äußern sich zehn Stunden nach dem Bombardement erstmals in hölzernem Militärjargon. Die Aktion sei gegen "Individuen" gerichtet gewesen, die die US-Streitkräfte bedroht hätten, heißt es in der Erklärung eines Sprechers. "Der Angriff könnte Kollateralschäden an einer nahe gelegenen medizinischen Einrichtung zur Folge gehabt haben."

"Kollateralschaden" ist ein Begriff, der von der Nato während des Kosovo-Kriegs geprägt wurde. Schon damals war er heftig umstritten, weil er den Tod von Menschen verharmlost und verschleiert. Aus dem deutschen militärischen Sprachgebrauch ist er inzwischen fast verschwunden. Am Samstagabend schaltet sich US-Präsident Barack Obama ein, verweist aber nur auf die noch laufenden Untersuchungen. "Wir werden die Ergebnisse dieser Ermittlung abwarten, ehe wir die Umstände dieser Tragödie abschließend beurteilen", sagt er. Falls sich bestätigt, dass US-Militärmaschinen die Bomben abwarfen, ist es einer der schlimmsten Fehlschläge der Nato-Streitkräfte in 14 Jahren Afghanistan-Einsatz.

Ärzte ziehen sich zurück

Nach dem Luftangriff zog sich Ärzte ohne Grenzen aus Kundus zurück. Die Klinik sei "nicht mehr funktionsfähig", sagte Sprecherin Kate Stegeman am Sonntag. MSF-Mitarbeiter würden nicht mehr in dem Gebäude arbeiten. Alle Patienten seien an Gesundheitseinrichtungen in die Stadt Pul-e-Chumri in der Nachbarprovinz oder in die Hauptstadt Kabul verwiesen worden. Ob die Klinik wiedereröffnet werde, sei unklar.

Die Klinik wurde ausschließlich aus Spenden finanziert und bot kostenlose Hilfe für Unfall- und Kriegsopfer an - unabhängig von Herkunft oder Religion und auch für verwundete Taliban. (Kommentar)
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