Flüchtlinge aus dem Sudetenland und Schlesien haben Eschenbach verändert
Flüchtlinge bringen Arbeit mit

Als die Soldaten der US-Armee vor 70 Jahren Eschenbach besetzten, schien sich alles zu ändern. Aber was "der Ami" Neues brachte,war kaum der Rede wert im Vergleich zu dem, was in den folgenden Monaten kam. Wirklich verändert haben die Stadt die Flüchtlinge aus dem Sudetenland und Schlesien.

(wüw) Mit der Vertreibung aus der Tschecheslowakei, Polen und anderen "verlorenen" deutschen Ostgebieten setzte sich der Flüchtlingstreck in Bewegung, in der Region war Eschenbach für viele die Anlaufstelle. "Die Baracken des Reichsarbeitsdienstes im Osten der Stadt boten Wohnraum, der anderswo fehlte", begründet Walther Hermann, weshalb sich die Einwohnerzahl auf einen Schlag von 1500 auf 3000 verdoppelte. Der heutige Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft kam im Februar 1946 selbst als vierjähriger Bub in die Stadt, nachdem seine Familie zuvor in Arzberg untergekommen war.

Bei Bauernfamilie

Der Beginn sei durchwachsen gewesen, sagt sich der pensionierte Finanzbeamte. Er erinnere sich noch, wie eine relativ wohlhabende Bürgersfrau der Familie trotz offizieller Zuweisung die Tür vor der Nase zugeschlagen habe. "Aber kurz darauf sind wir bei einer Bauernfamilie untergekommen, die selbst nur wenig hatte." Im Blick zurück habe die Integration aber sehr schnell funktioniert. Ende der 1950er Jahre seien alle Bewohner aus den Arbeitsdienst-Baracken in neue Häuser umgezogen. Ein Teil der Erstankömmlinge zog nach Roth oder ins Ruhrgebiet weiter. "Aber die Einwohnerzahl Eschenbachs ist nicht mehr unter 3000 gesunken", sagt Hermann.

Nach 70 Jahren in der Oberpfalz sieht er sich immer noch als Sudetendeutscher, aber genauso als Oberpfälzer und Bayer. "Da besteht kein Widerspruch", findet Hermann und verweist darauf, dass die Staatsregierung die Sudetendeutschen ganz offiziell als vierten Stamm Bayerns anerkannten. Und die Flüchtlinge hätten Wirtschaft und Bildungswesen der Region nach dem Krieg so geprägt, dass der "vierte Stamm" viel mehr sei, als eine Politikerfloskel bei Vertriebenentreffen. Hermann kann eine Liste von Unternehmern aufzählen, die als mittellose Flüchtlinge die Oberpfalz erreichten, um wenige Jahre später vielen "Ureinwohnern" Arbeit und Auskommen zu bieten. Der Maschinenbauer Lippert in Pressath, die Baufirma Markgraf in Immenreuth oder das Autohaus Richter in Eschenbach sind nur die prominentesten Beispiele.

Noch größer war der Einfluss in Sachen Bildung. Mit Edmund Langhans kommt der Begründer des heutigen Gymnasiums ebenso aus Nordböhmen wie Erhard Engel. Er folgte Langhans Beispiel. Aus seiner Höheren Handelsschule ging später die heutige Wirtschaftsschule der Stadt hervor. "Auch die Volkshochschule in Eschenbach geht auf die Initiative von Sudetendeutschen zurück."

Die Geschichte der Eschenbacher Vereinswelt und Kommunalpolitik ist ebenso geprägt vom Engagement der Neubürger aus dem Osten: neben dem früheren Bürgermeister Robert Dotzauer oder dem Begründer des Stadtverbands, Rudolf Morgenstern, ließen sich noch viele weitere Akteure anfügen.

Dass dagegen kaum etwas einer sudetendeutschen Kultur geblieben ist, lasse sich erklären: Die Sudetendeutschen haben in ihrer alten Heimat in weit auseinanderliegenden Gebieten gesiedelt. "Eine einheitliche verbindende Kultur hat es im engeren Sinn gar nicht gegeben", sagt Hermann. Außerdem stamme ein Großteil der Eschenbacher Sudetendeutschen aus der Region an der Grenze zur Oberpfalz, deren Bräuche sich ohnehin wenig von denen jenseits der Grenze unterschieden.

Zweimal im Jahr

Heute sind noch etwa 30 Familien im Eschenbacher Kreisverband der Sudetendeutschen Landsmannschaft organisiert. Zweimal im Jahr treffen sie sich, um sich auszutauschen und an die alte Heimat zu erinnern. Zurück wolle aber wohl niemand mehr, sagt Hermann. Die Bundesversammlung der Sudetendeutschen hat zum Pfingsttreffen eine neue Grundsatzerklärung veröffentlicht, in der sie auch formell auf Gebietsansprüche verzichtet und sich zur Mitverantwortung für Verfolgung und Ermordungen in der Nazizeit bekennt. Auch Hermann steht hinter der Erklärung. Er hoffe, dass nun die Tschechen nachziehen und ihrerseits die Benes-Dekrete aufheben. Diese legitimieren nicht nur die Aussiedlung der Deutschen, sondern auch alle Verbrechen, die Tschechen an Deutschen verübten. Auch damit solle nun Schluss sein.
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