Flüchtlinge drängen nach Ungarn - Letzter Abschnitt des Grenzzauns dicht
Ansturm vor Torschluss

All die Menschen, die aus Verzweiflung ... kommen, mit Stacheldraht oder Elektrozäunen zu empfangen, steht zutiefst im Widerspruch zu den christlichen Grundorientierungen Europas.
(dpa/epd) Kurz vor Inkrafttreten verschärfter Strafen für Flüchtlinge in Ungarn ist die Zahl der aus Serbien ankommenden Menschen am Montag noch einmal kräftig gestiegen. Am frühen Abend schloss die Polizei den letzten bisher freien Durchgang an der ungarisch-serbischen Grenze. Die schärferen Gesetze sollten ab Mitternacht gelten. Allein bis Montagmittag kamen 5353 neue Flüchtlinge aus Serbien nach Ungarn, teilte die Polizei in Budapest mit. Es waren fast so viele wie am gesamten Vortag, als 5809 Menschen kamen.

Unter starkem Polizeischutz schlossen Armeeangehörige am Montag eine etwa 15 Meter breite letzte Lücke auf einem Bahndamm. Danach waren nur noch wenige Flüchtlinge auf serbischer Seite zu sehen. "Ab heute wird sich die Lage dramatisch ändern", hatte der stellvertretende Parlamentspräsident, Gergely Gulyas, in Röszke angekündigt. Da Ungarn offensichtlich Probleme erwartete, wurden zunächst viele Hundert Polizisten zusammengezogen. Am Abend verringerte die Polizei die Zahl ihrer Einsatzkräfte am Grenzzaun. Nach der Wiedereinführung von Grenzkontrollen warnte Amnesty International vor fatalen Folgen. "Flüchtlinge in Ungarn drohen im lebensgefährlichen Chaos zu versinken", hieß es am Sonntag in einer gemeinsamen Erklärung der deutschen und der österreichischen Sektion von Amnesty. Es sei das Gebot der Stunde, ein gemeinsames Hilfsangebot an Ungarn zu richten.

Aus Sicht des bayerischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm, sind die von der Bundesregierung angeordneten Grenzkontrollen nur als vorübergehende Notmaßnahme zu rechtfertigen. Sie dürften "nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Rande eines Besuchs bei Flüchtlingen in Ungarn und Serbien. "All die Menschen, die aus Verzweiflung über Terror, Krieg und Gewalt nach Deutschland kommen, mit Stacheldraht oder Elektrozäunen zu empfangen, steht zutiefst im Widerspruch zu den christlichen Grundorientierungen Europas."

Die ungarische Polizei hat Medienberichten zufolge Flüchtlingen systematisch den Grenzübertritt nach Österreich erleichtert. Im ungarischen Szentgotthard an der österreichischen Grenze seien in der Nacht zum Montag 35 Busse mit Flüchtlingen in Polizeibegleitung direkt von der serbischen Grenze eingetroffen, berichtete das Nachrichtenportal 444.hu. Von dort seien alle Flüchtlinge ungehindert zu Fuß nach Heiligenkreuz in Österreich gelaufen.
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