Forscher warnen vor einer wachsenden Zahl islamistischer Terroristinnen - Über das Internet ...
Veraltetes Klischee der "Dschihad-Bräute"

Sie sei kein dummes kleines Mädchen, das man einer Gehirnwäsche unterzogen habe. Im Gegenteil: "I'm here for Allah" - "Ich bin hier für Allah", twitterte die junge Frau, die aus Großbritannien in den Irak zog. Marie Lamensch sammelt solche Nachrichten in den sozialen Medien. Die kanadische Forscherin untersucht, warum junge Frauen sich dem Feldzug von Terrormilizen wie dem "Islamischen Staat" (IS) anschließen. "Wir müssen das Bild der Dschihad-Bräute überwinden", betont sie.

Rund 100 Frauen sollen nach neuesten Zahlen des Bundesverfassungsschutzes aus Deutschland in die Arme des IS ausgereist sein. Insgesamt sollen es etwa 700 jungen Menschen sein. Dazu zählten nur Ausreisen aus eigenem Antrieb, nicht Partnerinnen von Islamisten. Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen warnt, die IS-Rekrutierungsmaßnahmen übten auf junge Frauen eine "verstärkte Anziehungskraft" aus. Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" ("SZ") ergeben zudem, dass der IS seinerseits bewusst weibliche Anwerber einsetzt. Sie suchten nach jungen Frauen, um sie mit "IS-Kämpfern" zu verheiraten. Die Anwerbung läuft demnach vielfach über soziale Netzwerke; so würden etwa Facebook-Profile junger Mädchen gezielt durchsucht.

Subtile Vorgehensweise

Laut Lamensch gehen die IS-Kämpfer zunächst subtil vor. Sie versuchten, eine "Wir gegen die"-Denkweise zu etablieren - beispielsweise durch die Behauptung, das zögerliche Vorgehen des Westens gegen das syrische Assad-Regime sei direkt für den Tod von Kindern verantwortlich. Viele der jungen Frauen fühlten sich aus humanitärem Interesse oder religiösem Pflichtgefühl angesprochen, erklärt die Forscherin. "Viele von ihnen möchten eigentlich Ärztinnen, Krankenschwestern oder Sozialarbeiterinnen werden."

Wer über Texte oder Videos mit pseudo-hilfesuchenden Botschaften auf den IS aufmerksam geworden ist, werde zu privateren Gesprächen etwa über Messaging-Dienste oder Internet-Telefonie eingeladen. "Dort werben die Islamisten für eine neue Weltsicht", so Lamensch. Die letzte Stufe bestehe in persönlichen Begegnungen und - im Extremfall - in der Ausreise. Einmal am Zielort angekommen, erwartet die jungen Frauen freilich etwas anderes. Sie seien "nur sexuelle Verfügungsmasse", so die Leiterin der Islamismus-Beratungsstelle "Hayat", Claudia Dantschke, gegenüber WDR, NRD und "SZ".

"Löwinnen Allahs"

Die Betroffenen betrachteten sich meist jedoch nicht als Opfer, betont Lamensch. Sie inszenierten sich vielmehr als Löwinnen, die für Allah kämpfen, ihren "bärtigen Prince Charming" unterstützen und für Nachwuchs sorgen. Der Terrorismusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Guido Steinberg, beklagt eine Vernachlässigung dieser Entwicklung. Die Rolle der Frauen werde häufig unterschätzt, sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung".
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