Frankreich: "Krieg der Symbole"
Grundsatzurteil befriedet den Streit um den Burkini nicht

"Als wir beide noch nicht auf der Welt waren, wurde in Deutschland darüber diskutiert, ob der Bikini nicht zu wenig Stoff ist. Und jetzt, 60 Jahre später, 50 Jahre später, diskutieren wir darüber, ob der Burkini zu viel Stoff ist." Zitat: Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, zu einem jugendlichen Fragesteller über die Burkini-Debatte

Paris. Die Grundsatzentscheidung des obersten Verwaltungsgerichts in Frankreich gegen ein Burkini-Verbot hat nicht die erhoffte Befriedung gebracht. Im Gegenteil: Konservative und rechte Politiker verlangen nun ein Gesetz zum Verbot der Ganzkörper-Badeanzüge muslimischer Frauen. Nur der Gesetzgeber könne die Situation klären und die Lebensweise der Franzosen schützen, so ihre Argumentation. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve rief zur Mäßigung auf.

Ex-Premierminister François Fillon sprach von einem "Krieg der Symbole, den wir gewinnen müssen". In der Zeitung "Le Monde" plädierte der konservative Politiker für ein Anti-Burkini-Gesetz.

In Frankreich herrscht bereits Wahlkampfstimmung. In den nächsten Wochen werden die Vorentscheidungen über die Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2017 getroffen. Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy, der für die Konservativen wieder in den Elysée-Palast will, hatte schon vor dem Staatsrat-Entschluss ein Anti-Burkini-Gesetz gefordert. Als Präsident werde er den Burkini weder an Stränden noch in Swimmingpools erlauben, erklärte er vor wenigen Tagen. Er unterstütze voll und ganz die Bürgermeister derjenigen Städte, die den Burkini verboten haben.

Landesweit haben rund 30 Kommunen den Burkini an ihren Stränden untersagt. Die meisten wollen trotz der Entscheidung des Staatsrats auch weiterhin keine Ganzkörper-Badeanzüge hinnehmen, darunter Nizza und Fréjus an der Côte d'Azur.

Marine Le Pen, die Chefin der rechtsextremen Front National, wertete die Entscheidung des Staatsrats als bedauerlich. Es obliege allein dem Gesetzgeber zu handeln, um Frauen zu schützen, die Laizität und die Lebensweise der Franzosen, erklärte die Politikerin.

Auch für Frankreichs sozialistischen Premierminister Manuel Valls ist die Diskussion noch nicht beendet. Das sei eine Grundsatzdebatte, so wie jene vor 30 Jahren um den Gesichtsschleier in der Schule, erklärte er. Den Burkini zu verbieten, bedeute nicht, die individuelle Freiheit infrage zu stellen, sondern einen tödlichen und rückschrittlichen Islam zurückzuweisen.

Als wir beide noch nicht auf der Welt waren, wurde in Deutschland darüber diskutiert, ob der Bikini nicht zu wenig Stoff ist. Und jetzt, 60 Jahre später, 50 Jahre später, diskutieren wir darüber, ob der Burkini zu viel Stoff ist.Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, zu einem jugendlichen Fragesteller über die Burkini-Debatte
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