Frauen im Haus oder im Grab

Verschleiert, verarmt, verfolgt. Frauen warten vor einer Ausgabestelle in Herat auf Lebensmittel. Die Lage der Frauen am Hindukusch hat sich in weiten Teilen des Landes nicht wesentlich gebessert. Archivbild: dpa

In London geht es ab heute um die Zukunft Afghanistans nach dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes zum Jahreswechsel. Menschenrechtler fürchten Rückschritte für Frauen. Deren Anliegen fallen im Machtspiel zwischen Politikern, Warlords und Taliban oft unter den Tisch.

Es war ein Tag wie jeder andere. Der Terminkalender der afghanischen Abgeordneten Schukria Baraksai war voll. Unter anderem ging es um ein Sicherheitsabkommen mit den USA, das ratifiziert werden sollte. Wie immer untersuchten ihre Sicherheitsleute den gepanzerten Wagen zweimal auf Bomben.

Der Verkehr in der Hauptstadt Kabul war dicht, wie jeden Tag. Der Fahrer manövrierte durch mehrere Checkpoints. Auf einmal - ein lauter Krach. Ein Selbstmordattentäter hatte sich direkt vor dem Wagen in die Luft gesprengt, erzählt Baraksai von ihrem Krankenbett. "Ich dachte zuerst, das wäre ein Traum. Aber ich konnte fühlen, wie meine Haut und mein Haar brannte. Die Explosion war real. Mein Fahrer weinte. Ich hatte einen Schock."

Trotz Angst vor einer weiteren Attacke kletterte sie aus dem Auto. Es kam keine Polizei, keine Rettung. Ein befreundeter Journalist brachte sie ins Krankenhaus. Erst dann wurde ihr bewusst, dass sie einen Selbstmordanschlag überlebt hatte. "Diesmal hätten sie mich beinahe erwischt", sagt sie. Die Tat im vergangenen Monat war nicht der erste Mordversuch gegen die Abgeordnete. Baraksai ist ein prominentes Opfer, aber kein Einzelfall.

Gewalt im Alltag

Frauen am Hindukusch leben in einer feindlichen Umgebung, Gewalt ist für viele an der Tagesordnung. Sie werden gegen ihren Willen verheiratet oder aus falsch verstandenem Ehrgefühl ermordet, sexueller Missbrauch ist weit verbreitet. Nach Angaben des Frauenministeriums wurden seit April mehr als 2200 Fälle von Gewalt gegen Frauen gemeldet, doch das Bild sei unvollständig. Zahlen der Strafverfolgungsbehörden und des Innenministeriums seien noch ausständig. Seit dem Ende der Taliban-Herrschaft Ende 2001 gab es zwar Verbesserungen, aber viele davon stünden nur auf dem Papier, kritisieren Aktivistinnen. Bei den Frauen selbst komme wenig an. Die Lebenserwartung stieg zwar auf 62 Jahre, 2001 waren es noch 56 Jahre. Aber nur etwas mehr als 12 Prozent der Frauen können lesen oder schreiben. Vielen Mädchen werde der Schulbesuch verweigert, vor allem wenn es über die Grundschule hinausgeht, sagt die Frauenrechtlerin Wasma Frohg Sulfikar.

Vor allem in den vergangenen zwei Jahren habe es Rückschritte gegeben, sagt Sulfikar. Frauen müssten immer noch um ihre grundlegenden Rechte kämpfen. "Ja, wir haben Wege gefunden, zur Schule zu gehen, aber auf den Weg dorthin werden wir getötet. Ja, wir haben Möglichkeiten gefunden zu arbeiten, aber Frauen werden dabei vergewaltigt." Afghanistan sei zutiefst frauenfeindlich, sagt auch Baraksai. "Wir Frauen sind ein leicht verwundbares Ziel. Und die Taliban sind nicht der einzige Feind, den Frauen in Afghanistan haben." Das Denken sei sehr konservativ. Männer hätten Angst vor starken Frauen.

Die Männer verhandeln

Aktivistinnen warnen, dass in der Sicherheitsdebatte die Anliegen der Frauen unter den Tisch fallen. In den Verhandlungen zwischen Regierung, internationaler Gemeinschaft und Taliban sind Frauen meist ausgeschlossen. Nur bei zwei von etwa 23 Sondierungsgesprächen seien Frauen dabei gewesen, berichtet etwa die Hilfsorganisation Oxfam. "Es ist zu befürchten, dass die Rechte der Frauen wegverhandelt werden." Der Bericht stellt fest, dass die Einstellung gegenüber Frauenrechten wieder zunehmend konservativ geprägt ist. Ein afghanisches Sprichwort scheint dies zu bestätigen: "Frauen sind entweder im Haus oder im Grab", heißt es da. Daran hat sich auch in den letzten Jahren nichts geändert. "Frauen sind Bürger zweiter Klasse, sie sind immer entweder die Tochter, Schwester, Frau oder Mutter von jemandem", heißt es in einem Bericht des afghanischen Forschungsinstituts AREU.

Wer für den Anschlag auf die Abgeordnete Baraksai verantwortlich ist, konnte bislang nicht geklärt werden. Ein Taliban-Sprecher betonte, die Islamisten steckten nicht dahinter. "Wenn nicht die Taliban, wer war es dann?", fragt sich Baraksai. Sie hat sich mit ihrem Auftreten gegen Polygamie, für neue Bankenregelungen und das Sicherheitsabkommen Feinde gemacht. Sie will dennoch nicht aufgeben. Eine Woche nach dem Angriff sitzt sie wieder in ihrem Büro. Auf dem Weg dorthin nahm sie die gleiche Strecke wie am Tag des Anschlags.
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