Frauke Petry und ihre Unterstützer aus dem rechten Lager haben die AfD übernommen - ...
"Jetzt sind alle Dämme gebrochen"

AfD-Mitgründer Bernd Lucke (rechts) musste beim Parteitag in Essen Platz machen für Frauke Petry. Bild: dpa
Es ist ein bisschen so wie damals, als Angela Merkel keine Lust mehr hatte, das "Mädchen" von Bundeskanzler Helmut Kohl zu sein. Auch Bernd Lucke hat Frauke Petry, die kurzhaarige junge Frau aus dem Osten, unterschätzt. Jetzt ist sie kaltlächelnd an ihm vorbeigezogen und hat sich an die Spitze der AfD gestellt. Er sei eine "Galionsfigur der Gründerzeit" der Partei, sagt Petry über Lucke und schiebt ihn damit in die Reihe der Gestrigen.

Die Partei, die Petry jetzt als Erste Vorsitzende übernimmt, ist nicht mehr die Alternative für Deutschland (AfD), die Lucke 2013 gemeinsam mit anderen konservativen Gegnern der Euro-Rettungspolitik gegründet hatte. Das sieht nicht nur Lucke, der sagt, mit den "islamfeindlichen Äußerungen" von Petry wolle er nicht in Verbindung gebracht werden.

Die neue AfD steht weiter rechts, und sie wird in den kommenden Monaten sicher auch etwas kleiner werden. Denn zahlreiche Anhänger des liberal-konservativen Flügels, für den Lucke steht, haben schon direkt nach Petrys Wahl ihren Austritt angekündigt. Im Gegenzug werden nach Ansicht von Beobachtern möglicherweise weitere Rechtsnationale eintreten. Doch dass dürfte den Aderlass wahrscheinlich nicht ausgleichen - vor allem dann nicht, wenn Lucke eine neue Partei gründen sollte.

Petrys Bemühungen, das liberal-konservative Lager zumindest teilweise einzubinden, sind in Essen weitgehend gescheitert. Sie schlägt den Europa-Abgeordneten Joachim Starbatty, der zum wirtschaftsliberalen Lager zählt, als Kandidaten für den Posten des Zweiten Vorsitzenden vor. Doch der gibt ihr einen Korb. Der Volkswirt Jörg Meuthen, der schließlich zur Nummer zwei gewählt wird, ist zwar weniger prominent als die Euro-Kritiker Lucke und Starbatty, bringt aber zumindest etwas liberales Flair in diesen neuen Vorstand, der ansonsten von ultrakonservativen und rechtsnationalen Kräften dominiert wird.

Untergang mit Ansage

Björn Höcke, Thüringer AfD-Chef und Gründer der rechten Bewegung "Der Flügel" ist auf jeden Fall hochzufrieden. Er sagt: "Jetzt haben wir als AfD natürlich die Möglichkeit, uns etwas deutlicher zu positionieren."

Luckes Abwahl war ein Untergang mit Ansage. Der Parteigründer hat die Konfrontation mit den Rechten bewusst provoziert. In seiner Parteitagsrede schimpft er auf die "Populisten" in der Partei. Das kommt bei einem großen Teil der schwitzenden AfD-ler in der eng bestuhlten Konzerthalle nicht gut an. Buhrufe und Pfiffe nehmen so zu, dass Lucke seine Rede immer wieder unterbrechen muss.

Frauke Petry, ist da geschmeidiger. Sie gibt dem Parteivolk vor allem eines: ein gutes Gefühl. Luckes Rivalin lobt, schmeichelt und lockt. Sie erklärt, "eine Religion wie der Islam" sei mit dem deutschen demokratischen Staatsverständnis nicht in Einklang zu bringen - und erntet dröhnenden Applaus.

Lucke hält dagegen. Er fragt: "Was für eine Konsequenz soll das denn für die Muslime haben?" Und: "Wollen wir einen Teil der Bevölkerung bewusst verletzen?" In der Zuwanderungsdebatte dürfe die AfD nicht einseitig argumentieren. "Wir dürfen nicht nur den abweisenden Zungenschlag haben, wir müssen das Problem nüchtern und sachlich und fair betrachten."

"Invasion" statt Migration

Dann wird gewählt. Das Ergebnis ist eindeutig. Frauke Petry strahlt. Auch wenn sie am zweiten Tag schon reichlich müde wirkt, sie sprüht innerlich vor Energie. Mit einer großen Austrittswelle rechnet Petry nicht. "Es wird kein Problem sein", sagt sie. Zum Grund ihres Zerwürfnisses mit Lucke erklärt sie: "Er will totalitäre Ansagen machen."

Während sie ihre Gedanken ordnet und Pläne für die Zukunft schmiedet, läuft vorne auf dem Podium die Wahl der stellvertretenden Vorsitzenden. Ein Kandidat schlägt bei seiner Vorstellung vor, mit dem Austritt aus der EU zu drohen, "so wie es David Cameron macht". Ein anderer sagt zum Thema Zuwanderung: "Das ist keine Migration, das ist eine Invasion." Für Lucke steht damit fest: "Jetzt sind alle Dämme gebrochen."
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