Futterneid wegen Flüchtlingen

An den Tafeln in Deutschland wird der Ton durch den Flüchtlingsandrang schärfer. Tafel-Helfer sprechen von Verteilungsgerangel unter den Bedürftigen. Bild: dpa

Der Andrang an den Tafeln hat sich in manchen Städten verdoppelt. Im Verteilungswettbewerb um kostenlose Lebensmittel stehen nun auch Zehntausende Flüchtlinge Schlange. Andere sehen sich benachteiligt.

Die Rocker-Braut von Mechernich hat die Ellenbogen satt. Der Ton an der Tafel ist merkbar rauer geworden. "Es wird geschubst und gehauen, aber man gewöhnt sich dran", meint Manuela Albrecht. Die rote Lederhose liegt eng, die Haare stehen wie Antennen, über ihrer linken Schulter kriecht ein tätowierter Drache. Arabisch, Slawisch und Deutsch füllen den nüchtern eingerichteten Vereinsraum. Als Albrecht ihre Thermo-Plastiktüte ausfaltet, geht das Rascheln fast unter.

Deutlich mehr Bedürftige

Früher hatten sich wöchentlich 150 Leute in die Schlange vor der Tafel im nordrhein-westfälischen Mechernich eingereiht. Nun kommen 300. Um Lebensmittel fair zu verteilen, funktioniert die Essensausgabe hier nur noch im Losverfahren, sagt der Tafel-Chef und Vorsitzende des Landesverbands NRW, Wolfgang Weilerswist.

Der Flüchtlingsandrang ist eine Belastungsprobe für die Tafeln in Deutschland. "Die Lage ist zur Zeit sehr angespannt", sagt der Chef des Bundesverbands, Jochen Brühl. 60 000 Helfer hatten bisher eine Million Bedürftige in Deutschland versorgt. Dann kamen die Flüchtlinge. Einige Tafeln kapitulierten vor dem immensen Andrang. Auch das Treppenhaus der Mechernicher Tafel ist überfüllt mit wartenden Menschen aus Afrika, Syrien und dem Westbalkan. Erste Verteilungskämpfe zwischen den Neuankömmlingen und den Stammkunden zeichnen sich ab, wenngleich oft im Stillen: Einige Deutsche fühlen sich durch die Flüchtlinge bedroht, bleiben der Tafel fern, sagt eine 66-jährige Helferin. Rassistische Gründe würden eine Rolle spielen. Man könne auch von Futterneid sprechen.

Früher waren die Bedürftigen mit zwei, drei Tüten nach Hause gegangen, berichtet Weilerswist. Nun müssten sie teils mit halbgefüllten Taschen den Heimweg antreten. "Die Tüten wurden weniger", bestätigt Albrecht. "Viele meinen, der eine kriegt mehr, der andere weniger. Kein Wunder bei den vielen Leuten". Wer diese sind, sagt sie nach kurzem Zögern: "Ziemlich viele Asylbewerber".

Konflikte treten überall hervor: Eine Tafel in Müllheim im Schwarzwald wies sogar für Flüchtlinge und die einheimische Bevölkerung unterschiedliche Öffnungszeiten aus. Wie Flüchtlinge bei den Tafeln in Deutschland behandelt werden, kann die Zentrale von Pro Asyl in Berlin jedoch nicht einschätzen. Sowieso ist die vermeintliche unfaire Verteilung eine Frage der Perspektive: So haben fremdenfeindliche Anfeindungen gegen Tafel-Helfer stark zugenommen. "Wir werden häufig angemault und gefragt: ,Warum wird das Essen weniger?'", sagt Weilerswist. Er bekäme täglich Hass-E-Mails. Das Wort "Kanake" sei noch das harmloseste. Die Deutschen sind das eine Problem. Weilerswist berichtet aber auch vom respektlosem Verhalten junger männlicher Flüchtlinge. Eine bundesweite Tendenz sei jedoch nicht festzustellen, betont der Bundesverband. Generell könnten Notsituationen, Existenzängste und Sprachbarrieren Konflikte zwischen den Gruppen schüren, sagt Brühl.
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