Gänsehaut-Gefühle unter der Quadriga

Zehntausende wollten dabei sein, als das Brandenburger Tor am 22. Dezember 1989 wieder den Berlinern gehörte. An diesem Tag wurde das Tor, 28 Jahre nach dem Mauerbau, wieder für Fußgänger passierbar. Rechts und links neben dem Tor wurden zwei Übergänge geschaffen. Archivbild: dpa

"Hier wird einfach rübermarschiert": Vor 25 Jahren waren die Berliner im Freudentaumel, als das Brandenburger Tor geöffnet wurde. Wie erinnert sich der Zeitzeuge mit dem roten Schal?

Der Schluss stand nicht im Manuskript. Erst während der Feierstunde, so erzählt es der damalige Regierende Bürgermeister Walter Momper 25 Jahre später, fielen ihm die Worte ein: "Berlin, nun freue dich." Ein Gänsehautmoment. Zwei Tage vor Heiligabend, am 22. Dezember 1989, wurde das Brandenburger Tor nach Jahrzehnten im Grenzland wieder geöffnet. Noch gab es zwei deutsche Staaten, aber nicht mehr lange.

Anderthalb Monate nach dem Mauerfall waren die feiernden Berliner außer sich vor Freude über das Ende der schmerzlichen Teilung. Das Gedränge war groß und chaotisch, wie sich Momper erinnert. "Es ist ein Wunder, dass da nichts passiert ist."

Ein SFB-Reporter staunte damals: "Hier wird einfach rübermarschiert." Denn eigentlich sollte das Tor von der Westseite aus erst Heiligabend richtig geöffnet werden - den Berlinern war das schnuppe. Auf der Mauer trompetete jemand "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Die Menschen riefen "Helmut, Helmut". Es regnete. Die Leute wollten einfach nur dabei sein bei diesem historischen Moment, so erzählten sie es unter den Regenschirmen den Reportern.

Schwerer Schritt für DDR

Neben Momper, dem SPD-Mann mit dem roten Schal, kamen Bundeskanzler Helmut Kohl, DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und der Ost-Berliner Oberbürgermeister Erhard Krack. Dass es bis zur Wiedervereinigung kein Jahr mehr dauern würde, wusste man noch nicht. Die Öffnung des Tors war symbolträchtig. "Das war für die DDR, die ja noch existierte, mit Modrow als Ministerpräsident, wirklich ein schwieriger Schritt", sagt Momper. In der "Tagesschau" kam die Berliner Feier aber nur an zweiter Stelle. Aufmacher war der Umsturz in Rumänien.

Gäbe es eine Zeitmaschine, das Brandenburger Tor wäre ein interessanter Ort dafür. Die Mauer ist schon lange weg. Hybrid-Taxis surren über den Pariser Platz, Touristen machen Selfies vor der historischen Kulisse, im Café kostet der Cappuccino 3,55 Euro. Und wie viel gebaut worden ist: das Hotel Adlon, ein Bankgebäude von Stararchitekt Frank Gehry, die französische und die amerikanische Botschaft. Die Akademie der Künste begrüßt ihre Kundschaft mit einem Banner: "Nichts ist erledigt." Neben dem Weihnachtsbaum steht ein Chanukka-Leuchter zum jüdischen Lichterfest. Der verkehrsberuhigte Platz ist die "gute Stube" Berlins. Kaum ein Staatsgast, der nicht zwischen den Säulen unter der Quadriga hindurchflaniert. Auch nüchterne Zeitgenossen lässt der Ort nicht kalt. So wie Angela Merkel in einer Kanzlerinnen-Botschaft: "Selbst heute, wenn ich durchs Brandenburger Tor gehe, gibt es immer noch so ein Restgefühl davon, dass das viele Jahre meines Lebens eben nicht möglich war."

Beliebter Veranstaltungsort

Immer wieder gab es Debatten und Possen rund um das Brandenburger Tor: Sollen Autos durchfahren? Darf man am Symbol der deutschen Einheit Bratwurst verkaufen? Von der Fan-Meile bis zur Fashion Week: Als Fotomotiv und als Kulisse ist das Tor schwer begehrt. 835 Veranstaltungen waren dort laut Polizei 2014 gemeldet. Im Sommer feierten die deutschen Fußballer mit Helene Fischer ihren WM-Titel. Silvester steigt dort wieder eine der größten Partys weltweit. Der erste Jahreswechsel am wieder geöffneten Brandenburger Tor 1989/1990 endete tragisch. Ein Gerüst des DDR-Fernsehens brach zusammen. Ein junger Mann starb, viele Menschen wurden verletzt. Die Quadriga wurde von Souvenirjägern und Rowdies schwer beschädigt. Heute ist Silvester in der Regel eine friedliche Angelegenheit. Die Berliner haben Übung in Großveranstaltungen. Dieses Jahr wird Mauerveteran David Hasselhoff ("Looking For Freedom") auftreten.
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