Gedenken an Blut und Tränen

Eine Ukrainerin beklagt die auf dem Maidan vor einem Jahr getöteten Demonstranten. Mit den aufgestellten Bildern gleicht der Platz in Kiew einem Friedhof. Bild: dpa

Blutige Gewaltexzesse auf dem Maidan führten vor einem Jahr zum Sturz des ukrainischen Präsidenten Janukowitsch. Nun gedenkt das Land der Opfer, während im Kriegsgebiet Ostukraine eine Eskalation droht.

Glockengeläut, Kerzen und Berge von roten Nelken und Rosen - ein Jahr nach den Massenprotesten auf dem Maidan gedenkt die Ukraine der Opfer. Dutzende Menschen waren damals auf dem Unabhängigkeitsplatz von Kiew im Feuer von Scharfschützen gestorben. Fotos der Opfer, Kreuze, rote Windlichter und Grabsteine lassen das Herz der Stadt stellenweise wie einen Friedhof aussehen. Der blutige Wendepunkt führte auch zum Sturz des Präsidenten Viktor Janukowitsch, der am 21. Februar aus der Hauptstadt flüchtete und sich nach Russland absetzte.

Bei den Gedenkfeiern zum Sieg der "Revolution der Würde" erwartet Präsident Petro Poroschenko an diesem Sonntag in Kiew auch Bundespräsident Joachim Gauck zu einer Solidaritätskundgebung für eine proeuropäische Ukraine. Doch in die Tränen zum ersten Jahrestag mischt sich auch Wut vieler Ukrainer, weil die Schuldigen an dem Blutbad noch nicht zur Verantwortung gezogen sind. Es gebe weiterhin keine Gerechtigkeit "für jene, die getötet, verletzt und gefoltert wurden", sagt John Dalhuisen von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Das zeige "das tiefe Scheitern des ukrainischen Strafrechtssystems".

Alle zeigen auf Russland

Seit dem Machtwechsel vor einem Jahr ist Viktor Schokin in Kiew der mittlerweile dritte Generalstaatsanwalt. Er verspricht, die Täter zu präsentieren. Gegen zwei Angehörige der ehemaligen Spezialeinheit Berkut (Steinadler) läuft ein Prozess. Sie streiten jedoch ab, die Todesschüsse abgegeben zu haben. Der ehemalige Chef der militanten Kräfte des Maidans, Andrej Parubij, zeigt bei der Frage nach den Tätern auf Russland.

"Auf dem Maidan haben russische Spezialeinheiten auf uns und die Berkut geschossen", behauptet er in einem Interview der Agentur RBK-Ukraina. Geheimdienstchef Walentin Naliwaitschenko wird angesichts der Fragen noch deutlicher: Wladislaw Surkow, der als Drahtzieher vieler Intrigen bekannte Berater des Kremlchefs Wladimir Putin, habe die Scharfschützen auf dem Maidan kommandiert, behauptet er. Beweise gibt es aber nicht. Bei einer Trauerfeier für die "Himmlische Hundertschaft" - jener auf dem Maidan Getöteten - spricht Poroschenko von einer russischen Aggression gegen sein Land. Er fordert Moskau auf, den geflüchteten Janukowitsch auszuliefern. Dieser trage die Hauptschuld für das Blutvergießen auf dem Maidan. "Ich zweifle nicht, dass er ewig in der Hölle braten wird, doch das ist außerhalb der Gerichtsbarkeit der irdischen Justiz", sgat Poroschenko.

Der ebenfalls nach Russland geflüchtete Ex-Regierungschef Nikolai Asarow wirft in einem Buch zum Jahrestag den USA vor, die Revolution angezettelt zu haben. "Sakrale Opfer" nennt Asarow die ersten Toten, die es bereits im Januar auf dem Maidan gab - eben jene nicht aufgeklärten Morde hätten zu den Massenprotesten geführt und das Ende des Janukowitsch-Systems eingeleitet. Nicht zuletzt halten sich bis heute Spekulationen, ukrainische Nationalisten könnten selbst auf Anhänger der Opposition geschossen haben, um den Funken der Revolution zu zünden.

Viele Fragen offen

Fragen bleiben viele, doch vor allem die Folgen des Sturzes von Janukowitsch sind unübersehbar: Die Schwarzmeerhalbinsel Krim spaltete sich von der Ukraine ab, das russisch geprägte Gebiet Donbass versank im Krieg, den mancher auch in den Reihen der damaligen Maidan-Führung vorhersagte. Nach dem Traum von einem besseren Leben macht sich bei vielen Ukrainern Ernüchterung breit: Landauf, landab klagen die Menschen über steigende Preise, Arbeitslosigkeit und niedrige Löhne von umgerechnet im Schnitt 130 Euro. Schon jetzt übersteigen die Nebenkosten einer Zweizimmerwohnung in Kiew durchschnittliche Renten und Mindestlöhne.

Die über die nächsten vier Jahre vom Internationalen Währungsfonds (IWF) in Aussicht gestellten rund 40 Milliarden US-Dollar werden nicht ausreichen, um die Ex-Sowjetrepublik mit mehr als 40 Millionen Menschen auf dem ohnehin niedrigen Niveau zu halten. Die Führung gibt sich dennoch optimistisch. Einen ungebrochenen Freiheitskampf der Ukraine gegen die russische Aggression verspricht Poroschenko zum Jahrestag des Machtwechsels.

Zeichen auf Konfrontation

Doch der Staatschef steht angesichts der vielen Niederlagen der Armee längst unter Druck. Die aus früheren Maidan-Kämpfern gegründeten Freiwilligenbataillone formierten nun selbst einen "alternativen" Stab. Weil der Generalstab unfähig sei, sollten jetzt die Streitkräfte von neuen Kommandeuren geführt werden, sagte der Parlamentsabgeordnete Semjon Sementschenko. Die Zeichen im Konfliktgebiet Donbass stehen damit weiter auf Konfrontation.
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