Geisterstadt für Balkan-Flüchtlinge

In einer tristen Kaserne in Manching geht die bundesweit erste Unterkunft für unerwünschte Asylbewerber aus Südosteuropa in Betrieb. Bis zu 200 Beamte sollen Balkanflüchtlinge schnellstmöglich heimschicken.

Am 1. September soll es soweit sein: Am Rande der oberbayerischen Ortschaft Manching soll in einer schäbigen ehemaligen Bundeswehr-Kaserne das erste "Aufnahme- und Rückführungszentrum" für Balkanflüchtlinge in Betrieb gehen. Der ausdrückliche Zweck der Einrichtung: Asylbewerber aus Albanien und anderen Balkanstaaten so schnell wie möglich wieder heimschicken. Eine zweite Erstaufnahmeeinrichtung für chancenlose Südosteuropäer soll in Bamberg eröffnet werden.

Derzeit sind die Bauarbeiter in dem großen Gebäudekomplex aktiv. Umgebaut wird hauptsächlich für die Beamten, nicht für die Asylbewerber. Flüchtlinge sind auch bisher schon dort untergebracht, in einer ganz normalen Gemeinschaftsunterkunft. "Die Bewohner werden sukzessive ausgetauscht", sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bei einem Ortstermin.

Derzeit leben dort gut 280 Menschen - davon 120 von außerhalb Europas, die eine höhere Chance auf Anerkennung haben. Diese 120 müssten noch verlegt werden, sagt M. Bleifuß, die Leiterin der Unterkunft, die ihren Vornamen nicht nennen will. "Der Rest ist schon vom Balkan." In der Kaserne selbst sollen 500 Balkanflüchtlinge untergebracht werden, in Dependancen außerhalb weitere 1000. In der Kaserne leben die Asylbewerber in sechs heruntergekommenen Bundeswehr-Gebäuden aus den 50er und 60er Jahren. Das Gras zwischen den Häusern ist verdorrt, ein Bauzaun umgibt das Gelände. Herrmann spricht von "Balkanzentrum", doch an ein Zentrum erinnert nichts. Genutzt wird etwa ein Drittel des Geländes, ansonsten ist die Kaserne eine verlassene Geisterstadt.

Flüchtling ertrunken

Schilder warnen vor Schusswaffengebrauch, obwohl kein Soldat mehr dort Dienst schiebt. Abkühlung in der Sommerhitze bieten als Badeseen genutzte Kiesgruben auf der anderen Straßenseite. Anfang August ist ein 22 Jahre alter Flüchtling ertrunken, nun warnen Schilder auch vor den Gefahren für Nichtschwimmer.

Mehrere andere Bundesländer wollen Balkan-Asylbewerber schnell loswerden, doch nur die bayerische Staatsregierung hat ihre zwei geplanten "Balkanzentren" offensiv angekündigt und großen medialen Rummel ausgelöst. Die Balkan-Flüchtlinge würden "nicht schlechter untergebracht als andere Asylbewerber", betont Innenminister Herrmann.

Anders sein als in Standardunterkünften wird die behördliche Präsenz: Neu hinzukommen sollen 200 Staatsdiener, die die möglichst schnelle Bearbeitung der Asylverfahren garantieren sollen - Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, Bundespolizei, medizinisches Personal, Richter. "Das Dringendste ist jetzt die Einrichtung der Büroräume", sagt Herrmann. Die stillgelegte Heizung sowie die Wasser- und Stromversorgung müssen wieder hergerichtet werden.

Ziel ist es, die Asylverfahren innerhalb von vier bis sechs Wochen zu beenden. Sämtliche Verwaltungsvorgänge von der Ersterfassung bis zur Zustellung des abgelehnten Asylantrags sollen hier stattfinden. Bisher werden Asylbewerber aus dem Balkan über ganz Bayern verteilt, bei anstehenden Abschiebungen fährt die Polizei quer durchs Land, um die abgelehnten Asylbewerber zum Münchner Flughafen zu bringen. Die beabsichtigte Wirkung der Manchinger Unterkunft: die Abschreckung neuer Asylbewerber aus dem Westbalkan bereits in den Heimatländern.

Abschreckung als Zweck

"Der Gedanke dahinter ist, dass sich in den Ländern, die überhaupt keine Bleibeperspektive haben, ein Bewusstsein breit macht, dass es überhaupt keinen Sinn hat, nach Deutschland zu kommen", sagt Innenminister Herrmann. "Das ist der eigentliche Zweck."

Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisiert die Pläne. Als ein Hauptproblem sieht Sprecher Alexander Thal den Mitarbeitermangel im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. "Deren Zahl ist so gering, dass sich inzwischen ein Rückstau von einer viertel Million Asylanträgen gebildet hat", kritisiert Thal. "Viele Flüchtlinge warten bis zu zwei Jahre, bis ihre Anhörung stattfindet und sie überhaupt nach ihren Fluchtgründen befragt werden."
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