Gerichtsprozess in London soll das Schicksal des Ex-Sowjetagenten aufklären - Angeklagte werden ...
Der langsame Gifttod des Alexander Litwinenko

Alexander Litwinenko bei einer Pressekonferenz 1998. Bild: dpa
Es war kaum noch etwas drin in der silbernen Teekanne, nur noch der Boden war bedeckt. Alexander Litwinenko ließ sich am Nachmittag des 1. November 2006 dennoch überreden, davon zu trinken. Grüner Tee, ohne Zucker, nur noch lauwarm. Der Schluck, der mutmaßlich zum langsamen Polonium-Gifttod des ehemaligen Sowjetagenten führte, war nicht einmal ein Genuss.

Acht Jahre nach dem mysteriösen Treffen in der "Pine Bar" des Londoner Millenium-Hotels wird der Fall nun neu aufgerollt: Vor Gericht in London zwar, in allen erdenklichen Details, aber ohne Angeklagten. Andrej Lugowoi, russischer Duma-Abgeordneter, und sein Kindheitsfreund Dmitri Kowtun gelten zwar als die Hauptverdächtigen. Beide sind jedoch in Russland und werden von Moskau nicht ausgeliefert. Ob die beiden Männer, die Litwinenko in Gesellschaft eines Dritten an dem Nachmittag in London gegenübersaßen, tatsächlich die Täter waren, ob es Auftraggeber gab, welchem Motiv die Mörder folgten, oder ob das Ganze vielleicht nur ein Unfall war - darüber soll die zehn Wochen dauernde Untersuchung Auskunft geben. 70 Zeugen sind geladen - Polizisten, Gerichtsmediziner, Freunde, Familienangehörige.

Im Auftrag Putins?

Was der Leiter der Beweisführung, der erfahrene Jurist Robin Tam im Saal 73 des Londoner Justizpalastes bereits am ersten Tag der Untersuchung andeutete, könnte Stoff für gleich mehrere Agententhriller im Stil von John le Carré sein - nur in echt. Russische und westliche Geheimdienste sind involviert, Politiker auf höchster Ebene, die Russen-Mafia und westliche Unternehmer.

Ob es wirklich Lugowoi und sein Kumpan waren, im Auftrag von Wladimir Putin persönlich, wie es Litwinenko noch zwei Tage vor seinem Tod formulierte? Ob es wirklich ein Akt von "nuklearem Staatsterrorismus, verübt auf den Straßen einer europäischen Großstadt war", wie der Anwalt der Litwinenko-Witwe Marina es formuliert?

Nukleare Spuren in London

Dafür spricht, dass der mehrere Jahre in Hamburg lebende Kowtun einen Kollegen in der Hansestadt um die Nummer eines Londoner Kochs bat. Der sollte bereit sein, ein teures Gift in ein Essen oder ein Getränk zu mischen. Der Kollege, als Zeuge "D3" geführt, soll in den kommenden Tagen aussagen. "Davon versprechen wir uns eine Menge", sagt Tam.

Gegen Lugowoi und Co. als Täter spricht etwa, wie auch Jurist Tam einräumte, dass Lugowoi bei der Verabschiedung im Millenium-Hotel nach Litwinenkos eigener Schilderung seinen damals achtjährigen Sohn bat, sich von dem Vergifteten per Handschlag zu verabschieden.

Litwinenko war - das ergaben schon die ersten Stunden der Untersuchung - eine schillernde Figur. Er hatte seine Hände im Tschetschenien-Krieg im Spiel und beriet die spanische Regierung im Kampf gegen die Russen-Mafia. Andererseits haben Lugowoi und Kowtun eine nukleare Spur durch London gezogen. Überall, wo sie auftauchten, fanden sich später Reste der hochgiftigen Substanz Polonium.

In Russland poltert der Verdächtige Lugowoi, das Ganze sei ein politisches Verfahren. "Dass Großbritannien diesen Fall wieder aufs Neue aufrollt, ist mit der geopolitischen Lage verbunden. Ich denke, dass in erster Linie Russland auf der Anklagebank sitzt." Allerdings konnte die britische Regierung durchsetzen, dass alles, was mit dem russischen Staat zu tun hat, hinter verschlossenen Türen verhandelt wird.
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