Gewaltausbruch auf Lesbos
Frust und Verzweiflung bei Flüchtlingen

Flüchtlinge fliehen aus dem Lager Moria auf Lesbos, nachdem ein Feuer ausgebrochen war. Bild: dpa

Athen/Lesbos. Lärm und Schreie, schwarze Rauchwolken, meterhohe Flammen: Diese Bilder kommen nicht etwa aus einem Kriegsgebiet, sondern vom Hotspot der griechischen Insel Lesbos. Mütter klemmen am Montagabend ihre Kleinkinder unter den Arm und rennen davon, andere Lagerbewohner raffen ihre wenigen Habseligkeiten zusammen. Dann gehen mehr als 3000 Menschen sowohl vor dem Feuer als auch vor dem andauernden Elend im Auffanglager erneut auf die Flucht.

Asylverfahren: kein Personal


Seit Monaten leben im Lager "Moria" und in den anderen vier Hotspots auf den griechischen Inseln Tausende auf engstem Raum, der für halb so viele Bewohner ausgelegt war. In Aussicht steht ihnen nach Inkrafttreten des Flüchtlingspakts zwischen der EU und der Türkei die Abschiebung in die Türkei. Denn für geregelte Asylverfahren fehlt in Griechenland das Personal. Kein Wunder, dass die Situation auf Lesbos eskalierte.

Viele der 85 000 Inselbewohner demonstrieren gegen die Zustände - nicht nur Rechtsradikale der extremistischen Partei "Goldene Morgenröte", obwohl die Vorfälle von Lesbos Wasser auf deren Mühlen sind. Auch Griechen, die sich stets um Flüchtlinge bemüht haben, wollen das Elend auf der beschaulichen Mittelmeerinsel nicht mehr mit ansehen.

Zu jenen, die die Flüchtlingskrise stets als humanitäre Aufgabe begriffen haben, gehört Inselbürgermeister Spyros Galinos. Er hat zuletzt wiederholt vor solch einer Eskalation gewarnt. Und er befürchtet weitere Ausbrüche. "Wenn nicht heute, dann in ein, zwei Tagen. Und die nächsten Episoden werden schlimmer sein als jene am Montag."

Galinos weiß nicht nur, dass die Menschen im Hotspot die Situation kaum noch aushalten - er weiß auch einen Gutteil der Inselbevölkerung gegen sich. Die Bürger beklagen, dass Flüchtlinge klauten, dass ihre Insel nicht mehr sei wie früher, dass nicht wenige Gemeinden in Griechenland die gesamte Last der Flüchtlingskrise schultern könnten.

Dass Flüchtlinge das Feuer auf Lesbos allem Anschein nach selbst legten, enttäuscht viele Griechen darüber hinaus. "Wir haben sie aufgenommen, ihnen Obdach gegeben und sie versorgt - und nun gehen sie und fackeln alles ab", kommentierte einer die Vorfälle via Twitter. 18 Verdächtige aus Afghanistan, Senegal, Syrien und anderen Ländern wurden festgenommen. Gleichzeitig fühlen sich die Griechen alleine gelassen von Europa. 33 000 Flüchtlinge sollten in diesem und nochmal so viele im kommenden Jahr in andere EU-Staaten umgesiedelt werden, so war es vereinbart. Bislang hätten nur 3000 das Land verlassen, sagte Migrationsminister Ioannis Mouzalas. Niemand wolle die Menschen haben.

Griechen alleingelassen


"Beschämend", nennt die Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg, Flüchtlingssprecherin der Grünen, die bisherige Umsiedlungsbilanz. "Das Absurde ist doch, dass wir im Europäischen Rat im September 2015 die Umverteilung von 160 000 Flüchtlingen aus Griechenland und Italien innerhalb von zwei Jahren gerade deshalb beschlossen haben, um die Länder an Europas Außengrenzen zu entlasten."

Von jenen mehr als 66 000, die aus Griechenland umgesiedelt werden sollten, seien bisher lediglich 195 nach Deutschland gekommen. "Das ist beschämend. Hier sind wir in der Bringschuld."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.