Grafenwöhr: Dröhnende Kampfflugzeuge und klirrende Fenster am Truppenübungsplatz
Großaufgebot am Truppenübungsplatz

Eine Panzerhaubitze der US-Armee im Übungseinsatz in Grafenwöhr. Bild: US-Armee
 
665,1 Millionen Euro fließen aus der US-Garnison in die Oberpfalz.

Grafenwöhr/Vilseck. (ath/fle/spi/paa) Die Tochter von Sandra Raab spielt in ihrem Zimmer. Ein Schuss fällt. Der Lärm erschreckt das Mädchen. Verängstigt läuft es zur Mutter. "Es nervt einfach", beschreibt die 24-Jährige. "Alles wackelt und ich muss die Kleine erst einmal beruhigen." Wenn es kracht, erzählt die Erbendorferin, die seit kurzem in Grafenwöhr arbeitet, ihrer Tochter, dass die Engel Fußball spielen würden. "Das beruhigt sie."

Elfriede Pappenberger lebt sei 56 Jahren in Grafenwöhr - nur ein paar Meter vom Truppenübungsplatz entfernt. Die Schießerei regt die 78-Jährige nicht auf: "Wenn sie wieder knattern, ist es eben so. Irgendwann hören sie schon wieder auf", nimmt sie den Lärm gelassen. Die Grafenwöhrerin höre die Schüssen gar nicht mehr. Ihre Töchter hingegen schon: "Wenn sie zu Besuch sind, sagen sie morgens oft: ,Oh Gott war es heute Nacht wieder laut!'" Robert Heldmann empfindet den Lärm als unterschwelligen Stress. Mit Bekannten redet er oft darüber. "Alle nervt's! Das Schlimmste ist, wenn wir die Schießerei gar nicht mehr wahrnehmen. Da merkt man, wie geschädigt man davon ist", meint er. Vor rund zehn Jahren sei die Lärmbelästigung laut Ludwig Widmann allerdings weitaus schlimmer gewesen. Der 78-Jährige war 1986 bis 1993 Chef der Bundeswehr in Grafenwöhr.

"Der Lärm ist heute viel geringer als noch vor zehn Jahren", berichtet er. Der Truppenübungsplatz sei ein zweischneidiges Schwert: Man wolle möglichst viele Arbeitsplätze, aber möglichst wenig Lärm. Die Arbeitsplätze würden durch die Übungen der Militärtruppen geschaffen. Knut Thielsen, Schulleiter am Gymnasium Eschenbach, macht keinen Hehl aus seinem Ärger. "Der Schießlärm beeinträchtigt den Unterricht massiv." Die Sekretärinnen zuckten oft zusammen, wenn wieder einmal Scheiben und Wände wackeln. "Die Schüler kennen die Situation und haben sich inzwischen arrangiert. Anders sieht es bei unseren Referendaren aus", spricht Thielsen diejenigen an, die nicht aus der Region stammen. Da käme es schon mal vor, dass bei einer Lehrprobe im Bericht steht: "Wundern Sie sich nicht, wenn es während der Stunde laut knallt. Das ist hier normal."

Gewöhnung an Schießlärm

"Als ich vor 40 Jahren nach Vilseck gezogen bin, habe ich jedes Mal gemeint, es kommt ein Gewitter." Sonja Andraschko erinnert sich noch gut an den Schießlärm, der vor Jahrzehnten rund um den Truppenübungsplatz Grafenwöhr "noch viel schlimmer war". Im Vergleich dazu habe sich die Situation in den vergangenen Jahren "sehr verbessert". Selbst von der gerade zu Ende gegangenen Übung "Combined Resolve III" hörte die Vilseckerin "praktisch nichts". Aber die Kirchenglocken nimmt sie auch nicht mehr wahr, obwohl sie "nur drei Schritte" von dem Gotteshaus entfernt wohnt. Sie beschreibt damit eine Gewöhnung, die sich viele Menschen in Vilseck und Umgebung zugelegt haben.

"Man wird ja immun dagegen", bestätigt Sieglinde Geier, die in Kagerhof lebt und von ihrer Wohnung im zweiten Stock aus manchmal sogar Pulverdampf von den Schießbahnen aufsteigen sieht. "Irgendwo müssen sie halt üben", zeigt die 49-Jährige prinzipiell Verständnis für die amerikanischen Streitkräfte, die aber auch immer sehr konsequent ohne Beeinflussung "ihr Ding machen" würden. Beschwerden dagegen hält Sieglinde Geier eh für aussichtslos, zumal sich die meisten Leute auch in Schlicht mit der Situation abgefunden hätten und kaum klagten.

Eine Frage der Jobs

Einem Großteil der Bürger sind die Amerikaner als größter Arbeitgeber der Region viel zu wichtig, als dass sie gegen solche Begleiterscheinungen intervenierten, bestätigt Helmut Kult. "Wenn wir recht stark gegen die Amerikaner arbeiten, dann bauen sie noch mehr Stellen hier ab", warnt er vor einer Verschlechterung der Job- und Einkommenslage in Vilseck. "Wenn ich sehe, wie viele Menschen mit unterschiedlichen Autokennzeichen bis aus Tirschenreuth und weiter tagtäglich ins Südlager fahren, dann sollte man das in den Vordergrund stellen, als sich über eher kurz dauernde Übungen aufzuregen", meint der 65-jährige Rentner und Ex-Stadtrat.

Die US-Garnison Bavaria umfasst die amerikanischen Militärstandorten Grafenwöhr (Kreis Neustadt/WN), Vilseck (Kreis Amberg-Sulzbach) und Hohenfels (Kreis Neumarkt) sowie Garmisch. Zur Garnison gehören zudem die Truppenübungsplätze Hohenfels und Grafenwöhr. Die Staatsregierung betont seit Jahren, dass die Garnison ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und einer der größten Arbeitgeber (mehr als 3500 deutsche Mitarbeiter) ist. Im Jahr 2013 flossen 665,1 Millionen Euro in die Region. Das sind unter anderem Ausgaben zum Unterhalt und Betrieb der Garnison, die Mieten für die Wohnungen der Soldaten und die Gehälter für Angestellte. Soldaten, deren Angehörige und US-Zivilangestellte zusammengezählt, dürften mehr als 30 000 Amerikaner in der Region leben.
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