Griechische Herausforderung

Wir müssen mit den Griechen Klartext reden.

Griechenland geht das Geld aus. Die Unsicherheit über die Zukunft des Krisenlandes belastet den EU-Gipfel. Premier Tsipras strebt schnelle Hilfe an. Doch Kanzlerin Merkel warnt vor überzogenen Erwartungen.

Griechenland beherrscht den Brüsseler EU-Gipfel. Europa kann die angespannte Finanzlage in dem Krisenland nicht einfach ausblenden. Europas Spitzen betreten mit sorgenvoller Miene das bunkerartige Ministerratsgebäude im Europaviertel.

"Wir müssen mit den Griechen Klartext reden", meint EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker. Es sei an der Zeit, "seriös zu werden", meint der frühere Euroretter mit Blick auf wochenlangen Streit zwischen Athen und seinen Geldgebern. Erwartungen an die Extrarunde zur Griechenland-Krise werden demonstrativ heruntergespielt. Das sei "kein entscheidendes Treffen" - so lautet die Ansage von Donald Tusk, der als Gipfelchef zu Krisengesprächen am späten Donnerstagabend eingeladen hatte.

Nächster Akt des Dramas

Auch Angela Merkel rechnet nicht mit einer Lösung. Das Griechenland-Drama wird also weitergehen. Bereits am Montag wird der griechische Regierungschef Alexis Tsipras bei der Bundeskanzlerin in Berlin erwartet.

Nicht alle sind mit der Extrarunde einverstanden, zu der auch Frankreichs Staatspräsident François Hollande oder der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, geladen waren. Er habe weder an Paris noch an Berlin ein Mandat gegeben, sagt der sichtlich verärgerte belgische Premier Charles Michel in die Mikrofone. "Ich schätze diese Methode nicht."

Wie schon beim Februar-Gipfel richten sich die Blicke vor allem auf den 40 Jahre alten Tsipras. Die Lage hat sich in den vergangenen fünf Wochen dramatisch zugespitzt. Dem Krisenland droht das Geld auszugehen, und zwar bald.

"Es ist nicht im Interesse der griechischen Bevölkerung, dass das noch weiter eskaliert", resümiert Frans Timmermans, mächtiger Stellvertreter Junckers an der Spitze der EU-Kommission. EU-Parlamentschef Martin Schulz zeigt sich betont zuversichtlich: "Ich gehe davon aus, dass Alexis Tsipras zu Kompromissen bereit ist." Der Mann im Mittelpunkt gibt sich bescheiden. Tsipras fliegt in der Touristenklasse von Athen in die belgische Hauptstadt. Auf Reisende, die ihn begleiten, macht der Chef der Links-Rechts-Koalition einen besorgten Eindruck. Noch im vergangenen Monat war Tsipras als Strahlemann auf den Gipfel gekommen, hatte Hände geschüttelt und Wangen geküsst. Nun geht es um Geld. Tsipras wollte dem Vernehmen nach von den Partnern rasche Hilfe fordern. Im Gespräch sind zugesagte Zinsgewinne der EZB aus griechischen Staatsanleihen von 1,9 Milliarden Euro.

Doch die Euro-Finanzminister pochen darauf, dass die Athener Regierung vor neuen Zahlungen - und dazu gehören auch die Zinsgewinne - verbindliche Zusagen einlöst und Reformen umsetzt. Dazu zählt auch eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Kontrolleuren der Geldgeber, um das schon zwei Mal verlängerte Hilfsprogramm endlich abzuschließen.

Das alles läuft bisher nicht, und deshalb häufen sich die Mahnungen. "Griechenland muss mit den Institutionen zusammenarbeiten", fordert der konservative finnische Regierungschef Alexander Stubb. "Es gibt Verpflichtungen, und sie gelten für alle Länder", ergänzt Hollande.

Der Herr des Elyséepalastes lässt keinen Zweifel daran, dass Griechenland in der Eurozone bleiben soll. Hinter den Kulissen ist zu hören, dass der Sozialist zwischen dem Linksradikalen Tsipras und der konservativen Bundeskanzlerin vermitteln will. Hollande ist kein Anhänger strikter Sparpolitik. Sein Land hat gerade von Brüssel zwei zusätzliche Jahre bekommen, um den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen.

Viele Staats- und Regierungschefs sprechen zudem betroffen über die Opfer des blutigen Terroranschlags in Tunesien. Die Lage im benachbarten Libyen ist sogar Gipfelthema - und es gibt auch eine Verbindung zu Griechenland. Denn in dem von islamistischem Terror erschütterten Land droht "ein zweites Afghanistan" vor den Toren Europas, sagen Experten. Die EU überlegt nun eine Friedenseinsatz.

Verbleib in EU unerlässlich

Auch angesichts dieser angespannten Lage im Mittelmeerraum können es sich die Europäer aus politischen Gründen nicht leisten, Griechenland aus dem Euro-Club austreten zu lassen, meinen Diplomaten.

Deshalb melden sich die USA regelmäßig zu Wort; Washington beobachtet die Lage in der Region genau. Kurz vor dem Gipfel telefonierte Präsident Barack Obama mit Kanzlerin Merkel. Dabei ging es dem Weißen Haus zufolge um Bemühungen, zu "einer pragmatischen Einigung zu kommen". Beim Gipfel wird klar: Den Europäern läuft die Zeit davon.
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