Großbritannien stimmt über EU-Austritt ab
Spannung pur

Gebannt blickt die Welt auf Großbritannien, wo die Menschen über den Verbleib ihres Landes in der EU abstimmen. Die Demoskopen sind sich einig: Es wird richtig knapp.

London. Mit Hochspannung fiebert Großbritannien einer Entscheidung von historischer Tragweite für das Königreich und die Europäische Union entgegen: Heute können rund 46 Millionen Wähler bestimmen, ob ihr Land weiterhin der EU angehören wird oder das Bündnis von jetzt 28 Staaten verlässt. Das Ergebnis der weltweit beachteten Abstimmung wird für den frühen Freitagmorgen erwartet. Ein Brexit - also ein Ausstieg des Königreichs aus der EU - würde die Union in die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte stürzen.

Kopf-an-Kopf-Rennen


Selbst Stunden vor Öffnung der Wahllokale war der Ausgang des Votums noch völlig unabsehbar. Meinungsforscher sahen bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Lager - mit ganz leichtem Vorsprung für die Befürworter eines EU-Verbleibs. Viele Wähler waren aber noch unentschlossen. Das zuletzt stark unter Druck geratene britische Pfund erholte sich an den Börsen am Mittwoch leicht.

EU-Politiker fürchten, dass ein Brexit Austrittswünsche in anderen Ländern beflügeln dürfte. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatte deshalb im Vorfeld scharfe Warnungen nach Großbritannien geschickt. "Deserteure werden nicht mit offenen Armen empfangen", sagte er mit Blick auf mögliche Verhandlungen mit der EU nach einem Austrittsvotum. Ein Brexit könnte jedoch das politische Schicksal des britischen Premierministers David Cameron besiegeln. "Niemand weiß, was geschehen wird", sagte Cameron mit Blick auf den Wahlausgang der Zeitung "Financial Times".

Cameron bekräftigte, dass er in jedem Fall im Amt bleiben wolle. Insider in London bezweifeln jedoch, dass ihm das gelingen wird - vor allem, wenn die Briten für einen EU-Austritt votieren sollten. Sein ehemaliger Justizminister Kenneth Clarke prophezeite Cameron "keine 30 Sekunden" bis zu einem Rücktritt im Falle eines Brexits. Der Durchschnitt von acht Umfragen seit dem 15. Juni ergibt einen hauchdünnen Vorsprung von 45:44 Prozent für das Pro-EU-Lager. Allerdings seien zehn Prozent der Befragten noch unentschieden, hieß es. Noch vor mehr als einer Woche lag das Brexit-Lager vorn - seit dem Mord an der Labour-Abgeordneten und Pro-EU-Politikerin Jo Cox holte das Drinbleiben-Lager aber wieder auf. Allerdings: Bei der Parlamentswahl vor einem Jahr hatten die Umfragen völlig falsch gelegen. Die Wettbüros sehen eine klare Tendenz zum EU-Verbleib.

Hauptthemen des zeitweise überaus hart geführten Wahlkampfes waren mögliche wirtschaftliche Nachteile durch einen Brexit sowie das Reizthema Migration. Auch die Furcht vor einer deutschen Vormachtstellung in Europa hatte das Brexit-Lager um den Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson und Nigel Farage, den Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei, zeitweise ins Spiel gebracht.

Bewegende Trauerfeier


Bei einer bewegenden Feier auf dem Trafalgar Square im Zentrum Londons gedachten am Mittwoch Tausende der in der vergangenen Woche vermutlich von einem Fanatiker ermordeten Labour-Parlamentarierin Cox, einer vehementen Befürworterin des EU-Verbleibs. "Ein weiteres Mal sind die Extremisten gescheitert", sagte Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai bei der Veranstaltung. "Sie hat ihre Stärke genutzt, um den Stummen eine Stimme zu geben", sagte sie über die Tote.

Deserteure werden nicht mit offenen Armen empfangen.EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker
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