Hängepartie bei Präsidentenwahl in Österreich
Spitz auf Knopf: Noch kein Sieger in der Stichwahl

Was für ein Wahlabend in Wien. Weder die Prognosen noch die Hochrechnungen konnten einen klaren Sieger ausmachen. Alexander Van der Bellen (links) und Norbert Hofer müssen das vorläufige amtliche Endergebnis inklusive Briefwähler abwarten. Bild: dpa

Ein Land wählt einen Präsidenten, aber die Entscheidung wird vertagt. Das Ergebnis ist so knapp, dass erst die Auszählung der Briefwahlstimmen zeigen wird, ob Österreich einen Rechtspopulisten als Staatschef bekommt.

Wien. Bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich hat es wegen eines praktischen Gleichstands keinen Sieger gegeben. Nach Hochrechnungen vom Sonntagabend kamen der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ, Norbert Hofer, und sein Konkurrent Alexander Van der Bellen auf je 50 Prozent der Stimmen. Wer das "Herzschlag-Finale" gewinnt, entscheidet sich erst an diesem Montag nach Auszählung mehrerer hunderttausend Briefwahlstimmen.

Ohne Briefwahl: 51,9 zu 48,1


Ohne Berücksichtigung der Briefwähler kam Hofer laut dem vorläufigem Endergebnis auf 51,9 Prozent der Stimmen. Sein Kontrahent, der von den Grünen unterstützte Alexander Van der Bellen, hat demnach 48,1 Prozent erhalten. Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am 24. April hatte sich das amtliche Ergebnis nach Auszählung der Briefwahlstimmen noch spürbar verändert. Damals verlor Hofer noch 1,3 Prozentpunkte auf 35,1 Prozent, Van der Bellen legte um 0,9 Prozentpunkte auf 21,3 Prozent zu.

Der 72-jährige Wirtschaftsprofessor und frühere Grünen-Chef konnte vor allem in den großen Städten punkten. Der gelernte Flugzeugtechniker Hofer gewann laut Analysen besonders Wähler im ländlichen Raum für sich. Sollte Hofer das Rennen machen, wäre der 45-Jährige der erste Rechtspopulist an der Spitze eines EU-Staats. Hofer hat angekündigt, als Bundespräsident seine Befugnisse stärker als die Vorgänger nutzen zu wollen. Dazu gehört im äußersten Fall auch die Entlassung der Regierung. Die erste Hochrechnung hatte noch Hofer knapp in Führung gesehen, dann hatte kurzzeitig Van der Bellen die Führung übernommen. Später pendelten sich die Zahlen auf ein Patt ein. Ein Unsicherheitsfaktor bei den Hochrechnungen war die Rekordzahl von voraussichtlich etwa 700 000 bis 800 000 Briefwählern. Das sind mehr als zehn Prozent der 6,4 Millionen Wahlberechtigten. Die Wahlbeteiligung lag nach der ORF-Hochrechnung von 19 Uhr bei 71,8 Prozent, eine leichte Steigerung gegenüber dem ersten Durchgang am 24. April.

Schulz: Nicht mehr spalten


Die Wahl stieß international auf großes Interesse. Das Erstarken der Rechtspopulisten auch in anderen Ländern wird von EU und vielen Regierungen mit Sorge beobachtet. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatte sich mit klaren Worten in den österreichischen Wahlkampf eingemischt und vor Hofer gewarnt. Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, sagte: "Wer immer am Ende vorne liegt: Ein solches Ergebnis ist in einer Demokratie ein Auftrag, das Volk wieder zusammen zu führen und nicht zu spalten." Die Wahl sei ein Weckruf an alle Parteien der demokratischen Mitte in Europa, nicht auf den Kurs von Populisten einzuschwenken.

In einer Analyse stellte sich heraus, dass bei der Wahl weniger die echte Überzeugung für einen Kandidaten eine Rolle spielte. Vielmehr machten viele Wähler ihr Kreuz, um den jeweiligen Gegenkandidaten zu verhindern.
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