Haiti erlebt fünf Jahre nach dem Erdbeben eine Protestwelle - Zum Jahrestag ohne Parlament
Zwischen Zelten und Palästen

Bei wütenden Protesten forderten Haitianer den Rücktritt des Präsidenten. Bild: dpa
Kurz vor 18 Uhr begann die Erde zu schwanken. In der Hauptstadt Port-au-Prince rannten Menschen in Panik auf die Straße. Das erste Beben dauerte eine Minute. Neun weitere folgten. Am 12. Januar vor fünf Jahren wurde fast ganz Haiti in Schutt und Asche gelegt, es war eine der schwersten Naturkatastrophen Lateinamerikas. Mehr als 200 000 Menschen starben. Genaue Zahlen gibt es nicht. Bis heute sind die Wunden, die das Jahrhundertbeben hinterlassen hat, nicht verheilt.

Der 12. Januar ist für die Haitianer zum Trauertag geworden. Rund 1,3 Millionen Haitianer wurden beim Beben obdachlos. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen leben immer noch rund 100 000 in Notlagern. Viele fühlen sich verlassen, vor allem von der Regierung. Der Wiederaufbau verläuft schleppend. Viel Geld sei in dunklen Kanälen verschwunden, sagt Oppositionspolitiker Dieudonné Saincy. Rund 6,6 Milliarden Euro an Hilfe sagte die internationale Gemeinschaft nach dem Beben zu. Haitis Regierung wirft der Staatengemeinschaft indes vor, ihre Versprechen nicht eingehalten zu haben.

Als Kontrast zu den Notunterkünften erstrahlen die Luxus-Vororte von Port-au-Prince in neuem Glanz. In Petionville, dem teuersten Viertel, wurden schmucke Hotels, Bürohäuser und Villen in Rekordzeit errichtet. Und Präsident Michel Martelly hat für eine "Verwaltungsstadt" Pläne vorgelegt, die mehr an einen reichen Vorort von Miami erinnern.

"Es gibt noch Zeltlager, aber nicht mehr so viele wie vor einem Jahr. Auch dank der internationalen Hilfe wurden viele Häuser gebaut", sagt Leonie Hannappel von Caritas international. Doch Haiti bleibt das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Rund die Hälfte der zehn Millionen Einwohner lebt in absoluter Armut und muss mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Etwa 60 Prozent sind Analphabeten. Das Gesundheitswesen liegt am Boden. Es fehlt sauberes Trinkwasser.

Derzeit steckt Haiti wieder einmal im politischen Chaos. Zehntausende sind in den vergangenen Wochen auf die Straße gegangen und forderten in wütenden Protesten endlich demokratische Wahlen. Ministerpräsident Laurent Lamothe wurde bereits aus dem Amt gejagt. Eigentlich sollte am 26. Oktober 2014 gewählt werden. Doch Präsident Martelly verschob den Wahltermin immer wieder, weil sich Regierung und Opposition nicht auf die Zusammensetzung der Wahlkommission einigen konnten.

Wenn bis zum Montag keine Einigung erzielt wird, steht Haiti ohne Parlament da. Martelly regiert dann per Dekret und kann ohne Widerstand seine Vorhaben durchsetzen. Für den Präsidenten scheint das nichts Besorgniserregendes zu sein. "Seit 1987 war jede Wahl eine Krise", wiegelt er entsprechende Fragen ab.
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