Heute vor zehn Jahren: Die Terroranschläge auf drei U-Bahnzüge und einen Bus lösten ein ...
London kann das Grauen nicht vergessen

Ein zerfetzter Londoner Doppeldecker-Bus nach dem Terroranschlag vom 7. Juli 2005. Es war einer von vier Angriffen islamistischer Terroristen an diesem Tag auf London. Archivbild: dpa
Die Erinnerungstafel in der Londoner U-Bahn-Station Edgeware Road fällt heute kaum mehr auf. Sechs Namen stehen auf dem schwarzen Oval. Namen von Menschen, die am 7. Juli 2005 in einem Zug der Circle Line nahe dem Bahnhof Opfer eines heimtückischen Selbstmordanschlages geworden waren. Es war einer von vier Angriffen islamistischer Terroristen an diesem Tag auf London.

Während Premierminister Tony Blair die Führung der industrialisierten Welt zum G8-Gipfel in Schottland versammelt hatte, starben ein paar Hundert Kilometer südlich in drei U-Bahn-Zügen und einem Doppeldeckerbus 52 Unschuldige. Die vier Attentäter waren aus Pakistan stammende Muslime mit britischem Pass im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Für die Briten ist und bleibt es der "Horror of 7/7", wie die Labour-Politikerin Harriet Harman es kürzlich zusammenfasste - ein nationales Trauma.

Haarsträubende Mängel

"London wird sie nicht vergessen und all jene, die an diesem Tag leiden mussten", heißt es in der Inschrift weiter. Und tatsächlich: Die schrecklichen Ereignisse vom Juli 2005 haben sich in die DNA des Landes eingebrannt, fast so wie vier Jahre zuvor die Anschläge von 9/11 in die Seele der Vereinigten Staaten. Die Terrorangst ist auf der Insel und speziell in ihrer Hauptstadt allgegenwärtig, manchmal bis zur Grenze der Paranoia. In Londons Bahnhöfen gibt es heute keine Gepäckschließfächer mehr, im Regierungsviertel Westminster nicht einmal öffentliche Abfalleimer. Auf jeweils zehn Briten kommt eine Überwachungskamera. Die Angst in London hat auch mit der U-Bahn zu tun. Das über 150 Jahre alte Netzwerk ist mit all seinen Schwächen, Unzulänglichkeiten und vor allem Unpünktlichkeiten die Lebensader der Stadt. Praktisch jeder Londoner fährt die steilen Rollentreppen hinab und drängt sich durch die engen Tunnel. Vier Millionen Fahrten werden pro Tag mit den Zügen der "Tube" absolviert.

Die Enge in den verwinkelten Tunneln und Schächten machte es den vier Attentätern vergleichsweise leicht, der Überwachung dagegen schwer. Und dem Einsatz der Rettungskräfte. Ein Untersuchungsbericht, der zwei Jahre nach den Anschlägen bekannt wurde, listete haarsträubende Probleme auf. Wegen eines mangelnden Funknetzes mussten die Hilfskräfte Kuriere zur Kommunikation durch das Tunnelnetz schicken, Verbandskästen konnten nicht geöffnet, Notausgänge nicht benutzt werden.

Andererseits wurde 7/7 in London auch zum Symbol für enorme Tapferkeit und den Zusammenhalt der Menschen im oft anonym erscheinenden Großstadt-Dschungel Londons. Die Fernsehbilder einer blutverschmierten Frau gingen um die Welt, die jede Hilfe von Rettungskräften strikt ablehnte. "Anderen geht es schlechter", sagte sie. Viele Londoner packten an und halfen sich gegenseitig in der Not. Feuerwehrleute und Polizisten tauchten in die Rauchschwaden der U-Bahn-Röhren ein - in vollem Bewusstsein, dass jeden Moment die nächste Bombe explodieren könnte.

Das Verhältnis zwischen Engländern und der großen Muslim-Gemeinschaft in London haben die islamistisch motivierten Attentate nicht nachhaltig beeinflusst. Die Zeichen stehen auf Versöhnung. Am Montag schritt mit Gill Hicks eine Betroffene die Tatorte von damals ab. Hicks ist auf Prothesen angewiesen, hat bei den Explosionen beide Beine verloren. An ihrer Seite waren Geistliche christlicher, jüdischer und muslimischer Glaubensgemeinschaften. Die Aktion ist Teil der Initiative "Walk together", die Londoner am Gedenktag auffordert, eine Station früher als sonst aus der U-Bahn zu steigen und den Rest der Wegstrecke gemeinsam zu Fuß zu gehen.
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