Im Kampf gegen Extremismus ist Satire auch in der arabischen Welt eine scharfe Waffe
Gratwanderung der Karikaturisten

Die Karikatur eines unbekannten ägyptischen Künstler beleuchtet die politische Landschaft, wie er sie sich nach einem Umsturz vorstellte: Islamisten in der Mehrheit, Liberale in der Opposition und das Militär an den Schalthebeln der Macht. Archivbild: Anne-Beatrice Clasmann
Auf der arabischen Karikatur ist die zersplitterte Tür des Satiremagazins "Charlie Hebdo" zu sehen. Blut fließt darunter hervor. Im Weggehen sagt einer der beiden vermummten Attentäter: "Ich denke, dass wir in den Himmel kommen, wir können uns jetzt entspannen." So brachte der Karikaturist Anwar in der ägyptischen Zeitung "Al Masri al-Yaum" das Entsetzen über den Anschlag in Paris zum Ausdruck. Zugleich stellte er die grausame Ideologie der Täter bloß. Nach den Morden an den französischen Karikaturisten ist die Solidarität unter den arabischen Kollegen groß. Die meisten von ihnen hätten allerdings nie gewagt, so wie die Zeichner von "Charlie Hebdo" mit Religion umzugehen.

Lange Tradition in Ägypten

Karikaturen haben in Ägypten eine mehr als 100-jährige Tradition. Auch im Libanon, Tunesien oder Saudi-Arabien sind die humorig-kritischen Bilder Teil vieler Zeitungen. Die oft nur mit ihren Vornamen bekannten Künstler kritisieren Armut, Korruption, gesellschaftliche Themen und bis zu einem bestimmten Grad auch Politik. "Karikaturen sind im Nahen Osten viel wichtiger als etwa in Amerika", erklärt Jonathan Guyer, Herausgeber der Zeitschrift "Cairo Review of Global Affairs" und Experte für arabische Karikaturen. "Humor ist in Ägypten wichtig in der Auseinandersetzung mit Alltagsproblemen."

Allerdings gibt es rote Linien. Nicht alles kann ein Karikaturist im Nahen Osten problemlos zu Papier bringen. Militär, Staatsführung und Religion sind meist heikle Themen. Immer wieder werden Karikaturisten festgenommen, eingeschüchtert, verprügelt oder verschwinden sogar. Wo die Tabu-Zonen anfangen, schwankt. "Es ist nie ganz klar, wann es zu weit geht", beschreibt der in Kairo lebende Publizist Guyer. "Was man an einem Tag zeichnen kann, kann in der folgenden Woche tabu sein." Vor allem Bilder zur Religion sind eine Gratwanderung. Kritik an den Propheten wie Mohammed, Moses oder auch Jesus ist undenkbar. Deshalb zeichnet sie fast niemand.

Als die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" ab 2006 blutige Proteste im Orient auslösten, druckte fast keine arabische Zeitung sie. Ein Nachdruck in Ägypten blieb zunächst ohne Reaktion. Als zwei jordanische Blätter einige der dänischen Zeichnungen mit klarer Verurteilung zeigten, mussten Journalisten jedoch vor Gericht. Ein Herausgeber wurde entlassen.

Beim Thema Religion sei die Grenze des Erlaubten unklar, sagt Guyer. So hätten einige Karikaturisten ohne öffentlichen Widerspruch Adam und Eva abgebildet. Adam gilt im Islam als Prophet. Andere hätten jedoch viel Ärger bekommen. Das hänge mit den Gesetzen gegen Blasphemie im Orient zusammen, erklärt Guyer. "In Ägypten kann jeder jeden vor Gericht bringen, wenn er etwas als Beleidigung des Islam empfindet." Andere Länder haben ähnliche Gesetze.

Dennoch wird auch Religion karikiert. Als 2013 im überwiegend sunnitischen Ägypten ein aufgehetzter Mob vier Schiiten lynchte, zeichnete der Cartoonist Andil drei fromme Männer mit einem blutigen Leichnam, berichtet Guyer. Einer schaute lächelnd zum Himmel und fragte: "Ist das gut so, Gott?"

Gegen die IS-Miliz

Vor allem die Miliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und dem Irak überziehen arabische Zeichner immer wieder mit beißendem Spott. Der Ägypter Abdallah malte in Anspielung auf Enthauptungsvideos der IS-Miliz einen kopflosen Mann, der zu einem Friseur im IS-Herrschaftsgebiet geht und fragt: "Entschuldigung, ist mein Kopf hier vorbei gerollt?" In der Auseinandersetzung mit radikalem Islamismus, dem auch die Attentäter von Paris anhingen, sind Bilder eine scharfe Waffe. Muslimische Künstler können dadurch Stellung beziehen gegen Extremisten, die sich auf den Islam berufen.
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