Im Schatten der Attacke

In die Menschenkette gegen rechtsextremistische Gewalt reihten sich am Samstag Christian Lindner (FDP, von links), Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), Armin Laschet (CDU), Mona Neubaur (Grüne) und der scheidende Kölner Oberbürgermeister, Jürgen Roters (SPD) ein. Bild: dpa

Von einem Ansturm auf die Wahllokale kann in Köln keine Rede sein. Die Abstimmung über den neuen Oberbürgermeister verlief eher ruhig. Dabei dürfte kaum ein Kölner diese Wahl so schnell vergessen.

Überschattet vom Attentat auf die parteilose Kandidatin Henriette Reker ist die Oberbürgermeisterwahl in Köln am Sonntag schleppend verlaufen. Um 11 Uhr, drei Stunden nach Öffnung der Wahllokale, hatten nach Angaben der Stadt etwa 7,8 Prozent der wahlberechtigten Kölner ihre Stimme abgegeben. Gut 800 000 Menschen waren in der viertgrößten deutschen Stadt Deutschlands zur Wahl aufgerufen.

Rund 100 000 haben sich per Briefwahl entschieden. Am Ende stimmten gerade einmal 39,7 Prozent ab - ein Armutszeugnis. Die von CDU, Grünen und FDP unterstützte Reker war am Samstag im Wahlkampf von einem Mann mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt worden. Sie war noch am Samstag operiert worden. Nach Angaben der Universitätsklinik ist ihr Zustand stabil, sie ist außer Lebensgefahr. Seit Sonntag ist Reker nun die erste parteilose Oberbürgermeisterin und die erste Frau an der Spitze von Köln.

Vier weitere Verletzte

Der Angreifer nannte fremdenfeindliche Motive - Reker ist als Kölner Sozialdezernentin für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig. Sie hatte sich im Wahlkampf wiederholt für die Integration von Asylbewerbern ausgesprochen. Neben der 58-Jährigen wurden bei dem Angriff auch eine CDU-Politikerin, eine FDP-Ratsfrau und zwei Bürger verletzt. Vielen Menschen rund um den Tatort ist am Samstag das Grauen vom Gesicht abzulesen. "Schrecklich", "wie barbarisch" ist am Marktstand nebenan zu hören. Eine 32-jährige Verkäuferin weist auf Blutflecken auf dem Boden neben ihrem Gemüsestand hin. "Es ist schockierend, nichts ist mehr normal." Alles sei schnell gegangen. Dann rückten Polizei, Krankenwagen und ein Medienaufgebot an.

Der 44 Jahre alte mutmaßliche Angreifer soll laut einem Medienbericht in den 1990er Jahren bei einer später verbotenen Neonazi-Gruppe, der Freiheitlichen Deutschen Arbeitspartei (FAP), mitgemacht haben. Zuletzt sei der Mann mit ausländerfeindlichen Kommentaren im Internet aufgefallen. Der Mann war am Sonntag dem Haftrichter vorgeführt werden. Dieser erließ Haftbefehl wegen versuchtem Mord und gefährlicher Körperverletzung in vier Fällen.

Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) rief zu Standhaftigkeit auf. "Es geht jetzt darum, dass wir uns nicht unterkriegen lassen." Die Diskussion um Flüchtlinge in Deutschland werde heftiger, immer häufiger würden Asylbewerberheime angegriffen. "Wir müssen alle gemeinschaftlich darauf achten, dass das Klima des Zusammenlebens nicht beschädigt wird."

Abgrenzen von Gewalt

Der Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, Peter Altmaier (CDU), rief zum Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit auf. "Der Anschlag ist verachtenswert und abscheulich", sagte der Kanzleramtsminister. "Auch wenn wir die genauen Hintergründe noch nicht kennen: Wir müssen uns zu jedem Zeitpunkt deutlich abgrenzen von jeder Form von Ausländerfeindlichkeit und Gewalt."
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