Im Schatten der tragischen Geschichte

Der Maler Alexander Owsepjan an seinem Verkaufsstand auf einem Souvenirmarkt in Eriwan. Bild: dpa

Alljährlich am 24. April begehen die Armenier den 100. Jahrestag der Massaker an ihren Vorfahren. Trotz der Trauer über die Gräuel an der christlichen Minderheit im Osmanischen Reich hoffen die Menschen auf eine Aussöhnung mit der Türkei.

Das Gedenken an den "Völkermord" an den Armeniern vor 100 Jahren hat sich tief eingebrannt in das Bewusstsein der Kaukasusnation. Bis heute sind die Menschen in Armenien wie gefangen von der eigenen tragischen Geschichte. Bei der Verfolgung der christlichen Minderheit wurden bis zu 1,5 Millionen Menschen ermordet. Was Papst Franziskus als "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" brandmarkte, will die Türkei - Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches - nicht als Völkermord bezeichnen. Die Zahlen der Armenier seien übertrieben, argumentieren Türken, die keine Schuld anerkennen wollen.

Heute ehren die Armenier in ihrer Hauptstadt Eriwan zum 100. Jahrestag die Opfer der Massaker. "Die Erinnerung an den Völkermord ist der mächtigste Faktor für die Bildung einer nationalen Idee in Armenien", sagt der Soziologe Aharon Adibekjan in Eriwan. Was er meint, ist eine Geschichte, die die rund drei Millionen Einwohner der Ex-Sowjetrepublik mit ihren Landsleuten in der Diaspora verbindet. Bis zu zehn Millionen Armenier leben über die Welt verstreut. Viele von ihnen reisen zum Gedenken ins Land der Vorfahren. Hunderttausende legen an der zentralen Gedenkstätte auf einem Hügel in Eriwan Blumen nieder. Wie ein erhobener Zeigefinger mahnt ein 44 Meter hoher Obelisk die Besucher. Hunger, Durst und Krankheiten - oder brutalen Mord - zeigt das nahe gelegene Genozid-Museum. Die Bilder von der Verfolgung der Armenier erschüttern.

Blick auf den Ararat

Im Hintergrund der Gedenkstätte zeigt sich an klaren Tagen der Berg Ararat mit seinen schneebedeckten Hängen - ein Wahrzeichen Armeniens und ein Symbol des Leids, wie der Maler Alexander Owsepjan sagt. "Der Ararat ist so nah, und ich kann doch nicht zu ihm hinübergehen." Seit 1921 gehört der mehr als 5100 Meter hohe erloschene Vulkan zur Türkei. Die Grenze ist seit Jahrzehnten geschlossen.

Nach dem Ersten Weltkrieg sprach Sowjetherrscher Lenin den christlichen Armeniern Teile ihres alten Siedlungsgebietes zu. Doch den biblischen Berg Ararat, wo nach dem Alten Testament Noah mit seiner Arche gestrandet sein soll, überließ er der Türkei. Der Berg stehe symbolisch für die großen Gebiete, die seine Vorfahren durch die Vertreibung verloren hätten, erklärt Owsepjan. "Immer wenn wir den Ararat sehen, erinnern wir uns an das Unrecht."

Von Gegnern umgeben

Bis heute lässt die leidvolle Geschichte auch junge Armenier nicht los. Ihr Land ist von Gegnern umgeben: im Westen die Türkei, im Osten das ebenfalls islamisch geprägte Aserbaidschan, mit dem es seit Jahrzehnten einen blutigen Konflikt um das armenisch besiedelte Gebiet Berg-Karabach gibt. Nur die Grenzen zum Iran im Süden und zu Georgien im Norden sind offen und ermöglichen dem Agrarland Handel. "Dass die türkischen Politiker nicht wahrhaben wollen, was ihre Großväter getan haben, ist eine Ungerechtigkeit", sagt der 28-jährige Ruben in Eriwan. "Ich fürchte, wenn sich jetzt, 100 Jahre danach, nichts ändert, dann ist das Zeitfenster verschlossen, und der Genozid wird nie anerkannt", meint auch die 23-jährige Asmik. Parlamente mehrerer großer Staaten wie Frankreich und Russland erkennen den Völkermord aber an. Ihre Präsidenten François Hollande und Wladimir Putin werden heute in Eriwan der Toten gedenken. Deutschland will einen Ministerialbeamten nach Armenien schicken.
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