In der Ostukraine wächst das Elend der Bevölkerung - 1,3 Millionen Menschen auf der Flucht vor ...
"Ich kann den Krieg nicht erklären"

Am 3. Juli 2014 um 8.25 Uhr hat sich das Leben von Wassiliy für immer verändert. In diesem Moment schlug im Zentrum von Nikolaiwka eine Bombe ein. Sie traf genau jenen Wohnblock, in dem Wassiliy mit seiner Frau lebte. Elf Bewohner kamen ums Leben, darunter seine Frau. "Erst einige Tage später haben wir sie unter den Trümmern gefunden", erzählt der 58-Jährige. Ihr Leichnam sei völlig entstellt gewesen. Er selbst blieb unverletzt, sagt er - äußerlich.

Blumen erinnern an Tote

Oft kommt Wassiliy zu jener Stelle, an der einst sein Wohnhaus stand. Der Schutt liegt noch dort. Ein Blumenkranz erinnert an die Toten. Das Loch klafft in der Häuserzeile wie ein stummes Mahnmal, in dem die ganze Sinnlosigkeit des Krieges deutlich wird. Nikolaiwka, nahe der Stadt Slowjansk, war nie direktes Kriegsgebiet. Die Bombe war vermutlich fehlgeleitet. Niemand will sagen, woher sie kam. "Ich kann die Angriffe nicht erklären. Ich kann den Krieg nicht erklären", sagt Wassiliy.

Der Krieg kam im vergangenen Sommer nach Slowjansk. Die einstige Hochburg der Separatisten im ostukrainischen Bezirk Donezk wurde allerdings bald von der ukrainischen Armee zurückerobert. Im Zentrum von Slowjansk richtete die Caritas eine Anlaufstelle für Flüchtlinge ein. Rund 1300 Menschen habe man bislang registriert, heißt es. Umgerechnet 300 Euro Starthilfe erhalten sie, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen.

In einem Plattenbau im Zentrum lebt die 30-jährige Julia mit ihrer Familie. Sie stammt aus dem Ort Horliwka nahe Donezk, mitten im umkämpften Gebiet. Im Juli sei ihr Zuhause über Nacht zwischen die Fronten geraten, erzählt sie. Nach furchtbaren Stunden im Keller packten Julia und ihr Mann die Koffer und flohen mit den beiden Kindern Richtung Westen. "Wir wissen nicht, wer geschossen hat, wir sind einfach nur weg", erzählt sie. Mit dem Auto schafften sie es nach Slowjansk. Der elf Monate alte Kyrill versteht noch nicht, was geschehen ist, doch der neunjährige Maxim leidet unter Alpträumen. Deshalb hat die Familie die Hilfe eines Psychologen in Anspruch genommen.

Traumatisierte Kinder

Maxim ist kein Einzelfall. Bis zu 80 Prozent der Kinder aus den Kriegsgebieten seien schwer traumatisiert, erzählt der Präsident der ukrainischen Caritas, Andrij Waskowycz. Mit den Folgen dieses Krieges werde die Ukraine noch lange zu kämpfen haben. Rund 1,3 Millionen Menschen sind bislang vor dem Krieg geflohen. Ein Drittel, rund 400 000, sind Kinder. Mehr als 5000 Todesopfer haben die Auseinandersetzungen laut UN-Angaben gefordert. Ohne Lebensmittel- und Kleiderspenden könnten sie nicht überleben, erzählt Julia. Gerne würden sie zurückgehen, doch das sei unmöglich. "Wir telefonieren fast täglich mit unseren Verwandten und Freunden vor Ort. Alle wollen weg. Doch wegen der Kämpfe können sie nicht."

Waskowycz betont die große Solidarität der Ukrainer untereinander. Allein in Charkiw, der zweitgrößten Stadt in der Ukraine, lebten derzeit rund 120 000 Binnenflüchtlinge - bei 1,4 Millionen Einwohnern. "Es ist eine zweite Stadt in der Stadt entstanden", sagt er. Allerdings stoße die Gesellschaft an ihre Grenzen. Hilfe sei nötig, aber die Staatskasse leer.
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