In Kassel Druck im Kessel

AfD-Parteigründer Bernd Lucke und seine Kontrahentin Frauke Petry beim Bundesparteitag im Januar 2015 in Bremen. Archivbild: dpa

Die AfD schlägt mit den Flügeln, dass die Federn nur so fliegen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Im dritten Jahr ihres Bestehens sieht die Alternative für Deutschland ganz schön gerupft aus.

Die Erfolgskurve der Alternative für Deutschland zeigte lange Zeit steil nach oben. Damit ist jetzt erst einmal Schluss. Die Partei um Bernd Lucke und Frauke Petry ist dabei, sich genüsslich selbst zu zerlegen. Ihr bisheriges Erfolgsrezept - der Spagat zwischen liberal und rechtsnational - funktioniert nicht mehr. Glaubt man Parteigründer Lucke, dann liegt das vor allem daran, dass einige Landesverbände zu viele Mitglieder am rechten Rand aufgelesen haben. Fragt man seine Gegenspielerin, die Co-Vorsitzende Petry, dann liegt die Schuld bei Lucke, der angeblich keine abweichenden Meinungen ertragen kann.

Wer den Kampf um die Herzen der Parteimitglieder letztlich gewinnen wird, ist noch ungewiss. Fest steht aber jetzt schon, wer zuerst als Verlierer vom Platz gehen wird: die AfD. In Hamburg und Bremen hat es die Newcomer-Partei zuletzt zwar noch knapp in die Bürgerschaft geschafft. Aktuelle Meinungsumfragen zeigen jedoch, dass ihr der neue Ruf als Dauerstreit-Partei noch mehr schadet als der Spott ihrer politischen Gegner.

"Es ist wahrscheinlich, dass die Entscheidung nächsten Monat auf dem Parteitag in Kassel fällt", sagt Konrad Adam, der zusammen mit Lucke und Petry das Führungstrio der Partei bildet. Eine Prognose will der konservative Publizist nicht wagen. Er findet den Machtkampf zwischen Petry und Lucke "töricht" und hält sich deshalb lieber heraus.

Die Frage des Kurses

Doch worum geht es bei diesem Streit eigentlich? Fragt man Lucke, dann hört man, Petry biedere sich aus reinem Machtkalkül bei den gut organisierten AfD-Rechtsauslegern an, um sich von ihnen am 13. Juni in Kassel zur Bundesvorsitzenden wählen zu lassen. Petry wirft Lucke ihrerseits vor, er wolle die AfD von einer basisdemokratischen Partei in eine wirtschaftsliberale Kadertruppe verwandeln, die nur auf sein Kommando hört.

Nun könnte man sagen: Gut, dass die Fronten jetzt geklärt sind, den Rest entscheiden dann die Delegierten in Kassel. Doch so einfach läuft das bei der AfD nicht. Seit Tagen bombardieren die Vertreter des liberal-konservativen und des rechten Flügels die Parteimitglieder mit Briefen, in denen sie vor den konspirativen Umtrieben der jeweils anderen Seite warnen.

Dennoch wird man wohl erst beim Bundesparteitag sehen, welcher Flügel stärker ist. "Ich gehe davon aus, dass 80 Prozent der AfD-Mitglieder liberal-konservativ sind", sagt der baden-württembergische Landesvorsitzende Bernd Kölmel. Doch das mag Wunschdenken sein. Kölmel gehört zu den wichtigsten Vertretern der Lucke-Truppe. Was ihn optimistisch stimme, sei die Tatsache, dass sich nach der Veröffentlichung ihres "Weckrufes 2015" schon mehr als 1000 AfD-Leute als Mitglieder der neuen Initiative registriert hätten, sagt Kölmel. Selbst eine Versöhnung mit Petry und der Europaparlamentarierin Beatrix von Storch, die Lucke den Parteiaustritt nahelegte, hält er noch für möglich.

FDP als Profiteur

Kölmel sagt: "Ich glaube, dass die AfD die Kurve noch kriegt." Außerhalb der AfD glauben das zur Zeit allerdings nicht mehr viele. Die FDP konnte schon bei den Wahlen in Bremen und Hamburg vom Führungsstreit der Newcomer-Partei profitieren. Und auch in der Union freut man sich, "dass Lucke bei seinem Versuch, die ganz Rechten loszuwerden, jetzt so ungeschickt agiert".
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