In Verdun wandeln Kanzlerin Merkel und Präsident Hollande auf den Spuren von Kohl und ...
Im Schatten ihrer Vorgänger

Am 22. September 1984 reichten sich über den Gräbern von Verdun der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (links) und Bundeskanzler Helmut Kohl die Hände. Archivbild: dpa

Verdun. "Die Finger vom Krieg lassen!" - auch 100 Jahre nach der "Hölle von Verdun" ist dies für den Historiker Gerd Krumeich eine bis heute aktuelle Botschaft aus dem deutsch-französischen Massengemetzel. An die Schlacht, deren Name als Synonym für die Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs steht, erinnern an diesem Sonntag Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande. 1984 setzten ihre Vorgänger, Kanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand, mit ihrem historischen Handschlag über den Gräbern von Verdun ein weltweit beachtetes Zeichen deutsch-französischer Aussöhnung.

"Archaisches Gemetzel"


Für Krumeich ist die Schlacht vom 21. Februar bis 19. Dezember 1916 "eine einmalige Verbindung zwischen einem archaischen Gemetzel, Draufhauen, Abstechen, mit dem Gegner praktisch immer in Sichtweite, oft nur 30 Meter entfernt und einem infernalischem Fernbeschuss aller Kaliber aus zehn, zwölf Kilometern Entfernung". Mehr als 300 000 Soldaten beider Seiten starben direkt auf den Schlachtfeldern, 400 000 wurden verwundet. Und wofür? "Für einen operativen und strategischen Dreck", sagt Krumeich, "sie haben sich ineinander verkeilt, weil keiner nachgeben wollte". Der deutsche Historiker wird Hollande und Merkel durch Teile der für 12,5 Millionen Euro komplett neu gestalteten Gedenkstätte führen. Mit einem Schwerpunkt auch auf Erlebnissen deutscher Soldaten soll das Memorial von Verdun künftig ein deutsch-französischer Erinnerungsort sein.

Keine zwei Kilometer weiter ist ein noch bis vor kurzem von französischer Seite undenkbarer Schritt geplant. Hollande und Merkel werden im Ossuaire, im Beinhaus von Douaumont, an einer neuen deutsch-französischen Inschrift Halt machen, die daran erinnert, dass dort im Keller Knochen von rund 130 000 französischen und deutschen Soldaten liegen. Bisher war das Gedenken an diesem Ort Frankreich vorbehalten.

Der französische Historiker Antoine Prost erinnert an einen Satz von 1916: "Wer nicht bei Verdun dabei war, war nicht im Krieg!" Weil ständig neue Truppen in den Nordosten des Landes geschickt wurden, war Verdun "die Schlacht, an der die meisten französischen Soldaten teilgenommen haben". Das brennt sich ins nationale Gedächtnis. "Verdun sollte lange eine französische Erinnerung bleiben", erläutert Krumeich, "vor allem die Soldatenverbände wollten alles beim Alten belassen." So auch im Ossuaire. In dem langgezogenen Sandsteinbau sind auf Wunsch von Angehörigen Namen getöteter Soldaten festgehalten. Erst Anfang 2014 durfte mit Peter Freundl ein deutscher Name in der Decke als Inschrift zu finden sein. Vor dem Beinhaus standen Kohl und Mitterrand 1984 minutenlang Hand in Hand.

Schlöndorff inszeniert


Bei der aktuellen Zeremonie soll ein Frankreich sehr verbundener Deutscher die Fäden ziehen: Der Regisseur Volker Schlöndorff inszeniert die Begegnung von Hollande und Merkel mit rund 3400 Jugendlichen aus beiden Ländern. Schlöndorff will "einen Dialog mit den Jugendlichen ohne Pomp, ohne Zeremonie". Ihm gehe es um die menschliche Dimension. "Jeder Einzelne, der da gefallen ist, war ja ein Mensch, und jeder, der dahin kommt, ist auch ein Einzelmensch." Hollande und Merkel werden die Jugendlichen zwischen den Kreuzen auf dem riesigen Grabfeld vor dem Beinhaus von Douaumont treffen. Die jungen Menschen sollen die Erinnerungen mit in die Zukunft nehmen. Schlöndorff: "Dass Menschen zu solchen Idiotien fähig sind, muss immer wieder erzählt werden."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.