Innere Gelassenheit und Pflichterfüllung

Helmut Schmidt (SPD) war von 1974 bis 1982 Bundeskanzler. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Bücher. Am Samstag erscheint "Was ich noch sagen wollte", sein neuestes Werk. Archivbild: dpa

Es ist eine sehr persönliche Bilanz. Helmut Schmidt nennt in seinem neuen Buch persönliche Vorbilder, lässt noch einmal die Anfangsjahre mit Loki, den Verlust des ersten Sohnes und den Krieg Revue passieren. Der heutigen Politik attestiert der Altkanzler Mittelmaß.

Helmut Schmidt hat sich stets gescheut, dem Privaten allzu viel Raum zu geben. Jetzt, mit über 96 Jahren, hat der SPD-Altkanzler aber noch ein Buch geschrieben, das schon vor Veröffentlichung für Wirbel gesorgt hat. Am Rande räumt er einen Seitensprung Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre ein. ",Was ich noch sagen wollte' ist ein sehr persönliches Buch", sagt er selbst. Es geht um prägende Vorbilder, um das Töten im Krieg - und um ein paar Geheimnisse.

Bewunderung für China

Schmidt macht aus seiner Bewunderung für China keinen Hehl, dem Modernisierer Deng Xiaoping räumt er ein ganzes Kapitel ein. Es zeichne politische Führer aus, "nicht nur die nächste Wahl, sondern auch das langfristig Notwendige im Blick zu haben". Der Trend, nur noch in Legislaturperioden zu denken, habe erheblich zugenommen.

Es darf als Spitze gegen Angela Merkel (CDU) verstanden werden, wenn er meint, die letzte mutige Entscheidung eines deutschen Kanzlers liege schon zwölf Jahre zurück: Gerhard Schröders Agenda 2010. Den Gewerkschaften wirft er Versagen vor, weil sie zugelassen hätten, dass Vorstandschefs bis zu 15 Millionen Euro verdienen. Er kenne keinen Vorstand eines börsennotierten Unternehmens, "der sich im Sinne des Gemeinwohls verdient gemacht hat".

Ein Kapitel heißt "Loki". 68 Jahre waren sie verheiratet. In Zeiten des RAF-Terrors gaben sie dem Kanzleramt die Anweisung, dass sich Kanzler oder Ehefrau im Falle einer Entführung nicht gegen im Gefängnis sitzende Terroristen austauschen lassen wollen. "Ich konnte mich in jeder Situation auf sie verlassen." Sie war der Mensch, der ihm am wichtigsten war - es habe außer Frage gestanden, Lokis Trennungsangebot wegen des Seitensprungs zurückzuweisen.

Sie hatten 1942 geheiratet. Der erste Sohn starb mit acht Monaten an einer Gehirnhautentzündung. Schmidt war zu der Zeit an der Front. Der Feldpostbrief mit der Todesnachricht ging verloren. "Erst aus einem späteren Brief zog ich die Schlussfolgerung, dass der Junge gestorben sein muss. Es war ein schrecklicher Moment."

Jüdischer Großvater

Ein Lehrstück sind die Passagen zu Hitler-Zeit und Krieg. Seine Eltern drängte er zu der Zeit, in die Hitlerjugend eintreten zu dürfen, was sie abblockten. Auf die Frage nach dem Warum sagte die Mutter: "Weil du einen jüdischen Großvater hast." Dass die Nationalsozialisten verrückt seien, sei ihm 1937 klar geworden, als sie von ihm verehrte Expressionisten als entartete Kunst einstuften. Er wollte aus Deutschland weg, klopfte bei Shell an, um einen Job in Holländisch-Indien zu bekommen. Daraus wurde nichts, auch nicht aus einem Architektur-Studium.

1939 brach der Krieg aus. "Ich habe nicht geschossen, weil es befohlen war, sondern weil die sogenannten Feinde auf mich geschossen haben. Ich wollte überleben." Immer wieder ist er auch in Berlin. Einschneidend sei gewesen, als er einmal als Zuhörer zum Volksgerichtshof abkommandiert worden sei. "Es war entsetzlich und würdelos. An diesem Nachmittag habe ich begriffen, dass die Nazis Verbrecher waren."

Witz über Göring

Mit dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 habe er sich aber lange schwergetan, weil es dilettantisch durchgeführt worden sei. Hitler und die deutsche Katastrophe seien eine "Tragödie unseres Pflichtbewusstseins gewesen" - bis in den Untergang sei Folge geleistet worden. "Die Heutigen wissen alles viel besser. Ich hatte einfach nur Angst, vor allem Angst, wegen meines halbjüdischen Vaters in Schwierigkeiten zu kommen", bilanziert Schmidt.

Existenzbedrohend sei der Kampf gegen die Alliierten 1945 gewesen, den habe er seinem losen Mundwerk zu verdanken gehabt habe. "Ich hatte einen Witz über Göring gemacht - über seine roten Schuhe oder dergleichen." Er wurde an die Ardennen-Front versetzt. "Die Angst vor dem Tod spielte eine weit geringere Rolle als die Angst vor Schmerzen und Verstümmelung." Neben den "Selbstbetrachtungen" von Marc Aurel habe er den Krieg über eine Feldpostausgabe des Vermächtnisses "An meinen Sohn Johannes" von Matthias Claudius bei sich getragen.

Der Deutsche Herbst

Über den römischen Kaiser und Philosophen Marc Aurel schreibt er: "Seine beiden für mich wichtigsten Gebote, innere Gelassenheit und Pflichterfüllung, standen mir immer vor Augen." Das habe ihm als Bundeskanzler im Deutschen Herbst 1977 geholfen, als Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" entführten, um RAF-Terroristen freizupressen. Seinem Freund und Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski ("Ben Wisch") habe er gesagt: "Du hast jede Vollmacht, und wenn es notwendig erscheint, reicht diese Vollmacht über das Grundgesetz hinaus." Es habe 50 zu 50 gestanden. "Entweder fliegen wir 90 Passagiere nach Hause, oder sie werden in die Luft gesprengt."

Wischnewski habe in Somalia Diktator Siad Barre "durch Schmeicheleien davon abgehalten, seine eigenen Soldaten zur Befreiung des Flugzeugs einzusetzen". Das übernahm dann die GSG 9. Ebenso sei es wichtig gewesen, bei den Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss zur Nachrüstung standfest zu bleiben - dies habe in den INF-Vertrag gemündet, den "ersten völkerrechtlich gültigen beidseitigen Abrüstungsvertrag seit dem Zweiten Weltkrieg".

Und was nimmt sich der Altkanzler für den letzten Lebensabschnitt vor? "Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden."
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