Ins Gedächtnis gebrannt

Mit einer Menschenkette gedachten die Dresdner am Freitag der Zerstörung ihrer Stadt im Zweiten Weltkrieg. Am 13. und 14. Februar 1945 legten alliierte Bomber das Zentrum der Elbestadt in Schutt und Asche. Bis zu 25 000 Menschen kamen dabei ums Leben. Bild:dpa

Der 13. Februar 1945 ist noch immer präsent in Dresden. In den Nachtstunden starten die Alliierten ihre Bombenangriffe - und Tausende sterben. Am 70. Jahrestag mahnt Bundespräsident Gauck.

Als die Bomber der Alliierten kommen, ist Helga Kluge knapp sechs Jahre alt. Mit ihrer Mutter rennt sie über den Hof, hinunter in den Luftschutzkeller - wie seit Monaten fast jeden Abend. Es ist der 13. Februar 1945. In den kommenden 37 Stunden werden in Dresden etwa 25 000 Menschen sterben. Helga Kluge hat überlebt, im März wird sie 76 Jahre alt. Mit ihrer Enkelin ist sie am Freitagnachmittag in die Frauenkirche geladen, mit etwa 300 anderen Zeitzeugen und deren Begleitern. Es ist nicht so, dass die Erinnerungen an die Bombennacht heute noch ihren Alltag bestimmen, sagt sie.

Bekannt durch Pegida

Das Dresden, das heute seiner Zerstörung gedenkt, hat vor allem mit seiner jüngsten Vergangenheit zu kämpfen. Über Wochen und Monate beherrschte die islamkritische Pegida-Bewegung die Wahrnehmung. Welche Bedeutung bekommt da ein Weltkriegsgedenken, das Rechtsextreme in der Vergangenheit immer wieder für ihre ideologischen Zwecke zu instrumentalisieren versuchten?

In Gaucks Rede hat Pegida an diesem Freitag keinen Platz. In plastischen Worten zeichnet der Bundespräsident jene Stunden nach, in denen britische und US-amerikanische Flieger in vier Angriffswellen bis zum 15. Februar die Barockstadt mit rund 2400 Tonnen Sprengbomben und fast 1500 Tonnen Brandbomben in Schutt und Asche legten. "Auch 70 Jahre später spüren wir die Folgen des Alptraums", sagt Gauck. "Wir trauern mit allen, die seither Leid tragen. Und wir gedenken all derer, die in jener Zeit als Opfer von Gewalt und Krieg ums Leben kamen, nicht nur in Dresden, sondern an all den anderen Orten."

Ausdrücklich zählt Gauck auch einige jener Städte auf, die im Bombenkrieg "von den Deutschen angegriffen wurden" - ob Rotterdam, Leningrad oder Coventry. "Wir wissen, wer den mörderischen Krieg begonnen hat. Wir wissen es", sagt er. "Und deshalb wollen und werden wir niemals die Opfer der deutschen Kriegsführung vergessen. Wir vergessen es nicht, wenn wir heute hier der deutschen Opfer gedenken." Ohne konkret zu werden, lenkt Gauck dann den Blick auch "auf Fragen der Gegenwart und der Zukunft": "Was geschehen ist, es soll doch nicht einfach folgenlos bleiben."

Widerstand gegen Gewalt

Ebenfalls klare Worte findet Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz. Sie nennt Pegida nicht beim Namen, aber allen ist klar, von wem sie spricht, als sie auf "die Ereignisse der vergangenen Wochen" Bezug nimmt, darauf, dass eine andere Religion als Bedrohung wahrgenommen wird und Medien und Politik beschimpft werden. Gedenken bedeute "die Verantwortung dafür, dass der Krieg nicht wieder in unseren Köpfen beginnen darf". "Es bedeutet, dass wir klaren Widerstand leisten, wenn Rassismus und Gewalt - egal von wem - propagiert werden." Am frühen Abend reiht sich Orosz mit Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt auf der Brühlschen Terrasse am Elbufer in die kilometerlange Menschenkette gegen Rechts ein. Tausende Dresdner stehen so Jahr für Jahr gegen den Missbrauch des Gedenktags zusammen.

Gegen Ende seiner Rede hat der Bundespräsident seine Worte indirekt noch einmal an die Opfer gerichtet: "Wer bereit ist, die Fixierung auf das eigene Schicksal zu überwinden, erfährt auch einen Akt der Selbstbefreiung. Er lernt, sich in größerem, historischem Kontext neu zu sehen und er wird empfänglich für das Schicksal des Anderen."

Helga Kluge hat, wie sie selbst sagt, "so ein Glück" gehabt. Sie kann mit ihrer Mutter und den Großeltern aus der brennenden Stadt entkommen. Aber die Erinnerungen sind noch da.
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