Istanbul nach dem Anschlag
Mit dem Terror kommt die Angst

In dieser Einkaufsstraße in Istanbul sprengte sich am Samstag ein junger Mann in die Luft. Er riss vier weitere Menschen mit in den Tod. Bild: dpa
 
Sängerin Skin. Bild: dpa

Der Selbstmordattentäter von Istanbul ist identifiziert. Er hatte wohl Verbindungen zur Terrormiliz IS. Der türkische Innenminister verspricht weitere Aufklärung, doch die Menschen sind verunsichert.

Istanbul. Am Tag nach dem Anschlag ist es gespenstig ruhig in Istanbul. Auf der an Sonntagen sonst brechend vollen Einkaufsstraße Istiklal sind nur vereinzelt Menschen unterwegs. Der Bezirksbürgermeister des zentralen Stadtteils Beyoglus und Mitglied der Regierungspartei AKP, Ahmet Misbah Demircan, versucht, unbekümmert zu wirken. Er lässt sich mit mehreren Anhängern bei einem Gang über die Istiklal filmen. Ein kleines Mädchen sitzt auf seinen Schultern. In die Kameras sagt Demircan: "Wir werden unseren normalen Lebensstil weiterführen ."

"Wir sind hier"


Auch die Händler der Istiklal kämpfen gegen die Verunsicherung. Sie haben am Anschlagsort Schilder niedergelegt mit der Aufschrift. "Wir haben keine Angst. Wir sind hier. Wir werden uns nicht (daran) gewöhnen." Nelken und türkische Flaggen säumen den Laden, vor dem sich der Selbstmordattentäter am Samstag in die Luft sprengte und vier Menschen mit in den Tod riss.

Dennoch bleiben die meisten Menschen jetzt lieber zu Hause und die Touristen in ihren Hotels. Sie haben eben doch Angst nach dem inzwischen fünften Terroranschlag innerhalb eines halben Jahres in den zwei Metropolen Istanbul und Ankara. Der türkische Innenminister Efkan Ala erklärte am Sonntag, der Attentäter habe Verbindungen zur Terrormiliz IS gehabt. Schon im Januar hatte sich ein IS-Attentäter - so die Annahme der Regierung - in Istanbul in einer deutschen Reisegruppe in die Luft gesprengt und zwölf Deutsche mit in den Tod gerissen.

Bei diesem Anschlag starben drei Israelis. Zehn Israelis sind auch unter den 39 Verletzten. Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte, es sei noch unklar, ob der Anschlag auf israelische Touristen abzielte. Ein verletzter Israeli, dessen 60-jährige Frau bei dem Attentat starb, erzählte der israelischen Nachrichtenseite "Ynet": "Ich wollte gerade ein Foto machen, als ich plötzlich eine schreckliche Explosion hörte, alles flog durch die Luft. Ich konnte meine Frau nicht mehr sehen." Der Attentäter hätte sich in etwa vier Meter Entfernung in die Luft gesprengt. Er selbst habe Verletzungen an der Lunge, und seine Beine seien gebrochen. Der Attentäter Mehmet Ö. stammt nach Regierungsangaben aus dem südtürkischen Gaziantep. Türkische Medien berichten außerdem, dass die Eltern ihren Sohn vor rund drei Jahren vermisst gemeldet hätten und Ö. sich in Syrien dem IS angeschlossen hatte. Er war jedoch nicht zur Fahndung ausgeschrieben, wie Innenminister Ala weiter erklärte. Fünf Verdächtige seien im Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen worden und es werde weiter ermittelt, sagte er.

Terror auch von der PKK


Es sind die üblichen Beteuerungen der türkischen Regierung - verhindern konnten die Behörden auch diesen Anschlag nicht. Dabei ist spätestens seit dem verheerenden Anschlag in Ankara im Oktober mit über 100 Toten klar, dass sich auch Türken radikalisieren und dem IS in Syrien anschließen. An der Grenze zur Türkei kontrolliert der IS ein großes Gebiet in Syrien.

Nicht nur der IS ist eine Bedrohung. Für den tödlichen Anschlag am vergangenen Sonntag in der Hauptstadt Ankara bekannte sich etwa eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die türkische Armee geht im kurdisch geprägten Südosten in einer Großoffensive gegen die PKK vor. Weitere Anschläge aus dem PKK-Umfeld sind wahrscheinlich.

Prominente AugenzeuginSkin (48), Sängerin der britischen Band Skunk Anansie , ist offenbar Zeugin des tödlichen Anschlags in Istanbul geworden. "Massive Bombenexplosion vor unserem Hotel", schrieb sie am Samstag bei Twitter. "Ich bin ok, sehr erschüttert, tote Menschen, schreckliche Szenen", twitterte die Musikerin. Das Gebäude habe gezittert und viele Menschen seien verletzt. "Die Stadt ist gesperrt, überall bewaffnete Polizisten in Zivil, beängstigende Zeiten", schrieb sie. (dpa)
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