Jahresrückblick 2015
Frankreich nach dem Terror: Liberté in Gefahr

Bewaffnete Soldaten gehören in Paris jetzt zum Stadtbild. Noch immer gilt der Ausnahmezustand. Bilder: dpa

Frankreich leckt seine Wunden, zerrissen von der Frage nach der richtigen Antwort auf die islamistische Bedrohung. Die Terrorserie von "Charlie Hebdo" bis "Bataclan" hat das Land bis ins Mark erschüttert.

Paris. Die Spuren des Terrors sind nicht zu verdrängen, auch wenn Pariser Geschäfte mit Tannenzweigen und Lichterketten um Kunden werben, auch wenn Bürgermeisterin Anne Hidalgo verkündet, dass der Tourismus wieder in Schwung komme, auch wenn die Bars langsam wieder so voll sind wie vor den Anschlägen vom 13. November: Es ist eine Normalität unter Vorbehalt.

Blumen und Kerzen


Wer das bei Touristen wegen seiner Sammlung französischer Impressionisten beliebte Musée d'Orsay betritt, muss noch vor der Taschenkontrolle seine Jacke öffnen und zeigen, dass er darunter nichts Verdächtiges versteckt. Und Marianne trägt weiter Trauer: Um die Statue der Symbolfigur der französischen Republik türmen sich immer noch Blumen und Kerzen als Erinnerung an die Opfer. Vom Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" bis zu den Selbstmordattentätern vom 13. November hat Frankreich 2015 eine Serie des Grauens erlebt. Insgesamt wurden 149 Menschen von Islamisten getötet. Am Ende dieses Jahres steht eine bis ins Mark erschütterte Nation.

So sehr die Franzosen auch betonen und demonstrieren, dass sie sich ihre Werte und Lebensart nicht nehmen lassen wollen - die Bedrohung hat das Land bereits verändert. Die politische Debatte und die Wortwahl haben sich nach rechts verschoben. Präsident François Hollande und seine Mannschaft sprechen vom "Krieg" gegen die Terrormiliz Islamischer Staat und von "inneren Feinden", verschärfen Gesetze und versprechen mehr Polizei.

"Routine der Freiheit"


Auch die Stimmung in Paris ist auffallend anders - vielleicht auch, weil nach den Anschlägen auf Orte des alltäglichen Lebens sich nun fast jeder als potenzielles Opfer sehen musste. Wer auf den wieder bevölkerten Terrassen mit Parisern spricht, hört schon mal die resignierte Aussage: "Es wird wieder passieren". Allerdings werden auch Stimmen laut, die fragen, ob Frankreich nun im Kampf gegen den Terror zu weit geht. Der Ausnahmezustand erlaubt bis Ende Februar Durchsuchungen und Hausarreste ohne richterliche Anordnung, eine Verfassungsänderung soll dies auf Dauer möglich machen, sogar die Internierung von Radikalisierten wird diskutiert.

"Es gibt derzeit einen Rückschritt bei unseren öffentlichen Freiheiten", warnt der Vorsitzende der Pariser Anwaltskammer, Pierre-Olivier Sur. Er verwies auf das Geheimdienstgesetz und den Ausnahmezustand. Justizministerin Christiane Taubira hielt dagegen: "Wir hatten uns in der Routine der Freiheit eingerichtet." Jetzt müsse sie wieder erobert werden.
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