Japanischer Ex-Premier besorgt wegen Fukushima
"Nicht unter Kontrolle"

Journalisten in Weiß, Mitarbeiter des Energiekonzerns Tepco in Blau: Wer sich wie diese Gruppe im Februar den Reaktorgebäuden von Fukushima Daiichi nähert, trägt Schutzkleidung. Wie gefährlich ist das Leben im Umkreis des havarierten Kernkraftwerks? Naoto Kan, der japanische Regierungschef zur Zeit des Super-GAUs, lässt in einem Interview die Einschätzung der heutigen Regierung als Schönfärberei erscheinen. Bild: dpa
 
Naoto Kan. Bild: dpa

Fünf Jahre nach dem Super-GAU in Fukushima sieht der damalige Ministerpräsident Kan die Katastrophe für nicht überwunden an. Die Lage sei, anders als von der jetzigen Regierung behauptet, nicht stabil.

Fukushima. Am 11. März 2011 löste ein Erdbeben einen Tsunami aus, der die Küste Japans traf und in Fukushima zur schwersten Atomkatastrophe seit Tschernobyl führte. Der Super-GAU hat den damals regierenden Ministerpräsidenten Naoto Kan noch in seiner Amtszeit von einem Befürworter zu einem entschiedenen Gegner der Atomkraft werden lassen. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur in Fukushima kritisiert er die Politik der amtierenden rechtskonservativen Regierung und warnt vor einem möglichen neuen Störfall.

Ist die Lage im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi wirklich "unter Kontrolle", wie der amtierende Ministerpräsident Shinzo Abe behauptet?

Naoto Kan: Die Situation ist weit davon entfernt, unter Kontrolle zu sein. Die Reaktoren 1, 2 und 3 werden noch immer mit Wasser gekühlt, und dieses Wasser wird verseucht und tritt wieder aus den Reaktoren aus. Zwar behauptet (der Atombetreiber) Tepco, das Wasser werde in Tanks gelagert. Aber ein Teil fließt mit dem Grundwasser zusammen und gelangt ins Meer. Daran besteht kaum Zweifel. Zum anderen liegt ja noch Brennstoff in diesen 3 Reaktoren und strahlt nach wie vor sehr stark. Die Lage ist im Moment nur stabil, weil er gekühlt wird. Aber das kann man nicht "stabilisiert" nennen. Sollte der Brennstoff zum Beispiel aus irgendeinem Grunde außerhalb der Reaktoren gelangen, dann würde es wieder dazu kommen, dass viele Menschen, sogar noch mehr als beim letzten Unfall, evakuiert werden müssen.

Die Regierung lässt bereits die ersten Anwohner wieder heimkehren. Halten Sie das für eine verantwortungsvolle Politik?

Naoto Kan: Die Regierung lässt nur die Wohngebiete dekontaminieren, und wenn die Strahlenwerte unter ein gewisses Niveau gesunken sind, darf man heimkehren. In der Tat ist es aber so, dass die Radioaktivität aus den Wäldern und den Bergen weiter herunterkommt, die Werte steigen wieder. Ich halte es daher für nicht richtig, zu entscheiden, es sei sicher, nur weil die Werte im Moment gesunken sind. Die Regierung will die finanzielle Hilfe für diejenigen, die trotz der Aufhebung der Evakuierungszone außerhalb der Gemeinde bleiben, ab Frühjahr nächsten Jahres streichen. Das halte ich für verkehrt. Beispielsweise gibt es Mütter mit Kindern, die nicht zurückkehren wollen - trotz der Behauptung der Regierung, es sei sicher. Man muss so eine Entscheidung respektieren und die Menschen weiter unterstützen, zum Beispiel mit Mietzuschüssen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Atomenergie in Japan? Ministerpräsident Abe, der die ersten Atommeiler wieder hochfahren lässt, scheint ja politisch fest im Sattel zu sitzen.

Naoto Kan: Ich glaube, die Atomenergie wird spätestens am Ende dieses Jahrhunderts sowohl aus Japan wie auch aus dem Rest der Welt verschwunden sein. Der Grund ist, dass sie sich wirtschaftlich nicht lohnt. Die erneuerbaren Energien sind kostengünstiger und sicherer. Auch Japan sollte so früh wie möglich in die Richtung des Atomausstiegs gehen. Dass man immer weiter auf Atomkurs bleibt und es dann irgendwann wieder zu einem solchen Unfall kommt, muss vermieden werden. Japans "Atomdorf" (Netzwerk aus Regierung, Betreiberkonzernen und Atomaufsicht) war gleich nach dem Unfall etwas geschwächt, aber leider hat es wieder an Kraft gewonnen.

Das ErdbebenVor fünf Jahren haben ein schweres Erdbeben und eine riesige Flutwelle zum Atomunfall von Fukushima in Japan geführt. Die Katastrophe vom 11. März 2011 in Zahlen:

9,0 erreichte das Beben auf der Richterskala. Damit war es das bisher schwerste in Japans Geschichte.

Bis zu 30 Meter hoch war der Tsunami, der mehr als 260 Küstenstädte verwüstete.

Fast 19 000 Menschen kamen durch die Flutwelle ums Leben oder werden bis heute vermisst.

Mehr als 1 Million Häuser wurden zerstört oder beschädigt.

Mehr als 200 Milliarden US-Dollar betrugen schätzungsweise die originären Schäden.

Mehr als 100 000 Menschen mussten nach der Reaktorkatastrophe wegen der Strahlenbelastung in der Region ihre Häuser verlassen.

30 bis 40 Jahre kann es nach Angaben des Fukushima-Betreibers Tepco dauern, bis das Kraftwerk endgültig gesichert ist.

Rund 7000 Arbeiter von Vertragsunternehmen und 1200 Arbeiter des Betreibers Tepco sind täglich in der Atomruine von Fukushima im Einsatz.

750 000 Tonnen radioaktiv belastetes Wasser ist in Tanks auf dem Gelände zwischengelagert. (dpa)
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