Jimmy Carter wird 90 - Als US-Präsident glücklos, als Friedensstifter hoch geschätzt
Staatsfreund Nummer eins

Eine der wenigen Sternstunden für den US-Präsidenten: Der ägyptische Staatschef Anwar El Sadat, Jimmy Carter und der israelische Ministerpräsident Menachem Begin (von links) bei der Unterzeichnung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages. Archivbild: dpa
Erst unlängst mischte er sich wieder ein. Es ging um den Spähskandal der US-Geheimdienste. "Wenn ich mit ausländischen Spitzenpolitikern in Kontakt trete, schreibe ich einen Brief und bringe ihn persönlich zur Post", ätzte Jimmy Carter. Er gehe schließlich davon aus, dass er überwacht werde. Der alte Mann setzte noch eins drauf: Er würde den Enthüller Edward Snowden begnadigen - wenn er denn noch Präsident wäre. Jimmy Carter fühlt sich sichtbar wohl in seiner Rolle als Kritiker und Moralapostel. Heute wird die Ausnahmeerscheinung in der US-Politik 90, doch von Altersmilde keine Spur.

"Der beste Ex-Präsident, den es je gab", wird der alte Mann mitunter genannt. Von Bosnien bis Haiti, im Sudan und in Eritrea trat er als Friedensstifter auf. Seine Stiftung Carter Center schickte Wahlbeobachter in Dutzende Länder, widmete sich dem Kampf für Demokratie, Menschenrechte und Entwicklung. 2002 erhielt er dafür den Friedensnobelpreis - als Präsident war er deutlich weniger erfolgreich gewesen.

Im Iran gedemütigt

Kaum ein anderer US-Präsident musste derartige Demütigungen erleiden wie Carter, der von 1977 bis 1981 im Weißen Haus regierte. Das Geiseldrama von Teheran, der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, der Verfall des US-Dollars: Reihenweise musste der Erdnussfarmer aus dem Bundesstaat Georgia Nackenschläge einstecken. Triumphe wie das Friedensabkommen von Camp David zwischen Ägypten und Israel verblassten dagegen.

Das Drama der Geiselnahme von 1979, als iranische Studenten bei einem überfall auf die US-Botschaft von Teheran über 50 Amerikaner in ihre Gewalt brachten, überschattete seine Amtszeit. 444 Tage hielten die Peiniger ihre Geiseln in Haft, ließen sie mit verbundenen Augen vor den TV-Kameras aufmarschieren. Carter selbst wurde zur tragischen Figur - ein Präsident, der wie ein Gefangener im Weißen Haus sitzt und hilflos zuschaut.

Es kam noch schlimmer: Als Carter im April 1980, Monate nach Beginn der Geiselnahme, endlich Elitesoldaten zur Befreiungsaktion in Marsch setzte, endete dies im Debakel. Mehrere Soldaten kamen ums Leben, Hubschrauber strandeten im Wüstensand, die Truppe erreichte nicht einmal Teheran, musste schmählich umkehren. Er war ein Pechvogel.

Farmer und Ingenieur

Dabei hatte seine Präsidentschaft so hoffnungsvoll begonnen. Als krasser Außenseiter war der Gouverneur aus dem Südstaat Georgia 1976 ins Rennen gegen Amtsinhaber Gerald Ford gegangen. Der gelernte Erdnussfarmer und Nuklear-Ingenieur galt als Hoffnungsträger, als moralisch sauberer Newcomer, der den Watergate-Skandal der Nixon-Ära endgültig überwinden sollte.

Und es gab Erfolge, Triumphe gar. Im September 1978 unterzeichneten der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat und der israelische Ministerpräsident Menachem Begin zwei Friedens-Rahmenabkommen - ein sensationeller Coup, den Carter in zähen Geheimverhandlungen im Regierungs-Ferienlager Camp David eingefädelt hatte. Ein weiterer Schritt war der Vertrag zur Begrenzung strategischer Rüstung Salt II, den Carter und der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew im Juni 1979 in Wien unterzeichneten - das war aber bereits nach der Islamischen Revolution im Iran und dem Sturz des Schahs, die die Präsidentschaft Carters verdunkelten.

Von Reagan besiegt

Ein erneuter Nackenschlag folgte Weihnachten 1979 mit dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, der Carter auf dem falschen Fuß erwischte. Wieder wirkte er schwach. Seine Niederlage bei den Wahlen gegen Ronald Reagan nur Monate später war mit der "Schmach von Teheran" besiegelt. "Ich fand in meinem eigenen Leben heraus, dass offenbare Misserfolge in Wirklichkeit zu echtem Glück führen können", bekannte Carter später einmal. Da sprach der tiefreligiöse Baptist. Carter gelang ein "zweites Leben", ein Comeback als weltweiter humanitärer Helfer - und er erfand sich als Außenseiter des eingefahrenen Politikbetriebs.

So brandmarkte er die Irakkriege, 2002 reiste er nach Kuba, traf Fidel Castro und forderte ein Ende des US-Embargos gegen Havanna. 2009 besuchte Carter im Zuge einer Nahostmission den Gazastreifen und sprach mit den radikalislamischen Hamas - auch das ein "No-Go" im offiziellen Washington.
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