JVA-Bediensteter: Es gab keine Geräusche
Zwitschern auf dem Amberger Gefängnisdach?

Es rauschte, piepste, knackte, krächzte und krachte. Nachts um halb fünf im Amberger Gefängnis. Die seltsamen Geräusche und daraus resultierende Folgen beschäftigten nun das Amtsgericht. Symbolbild: Hartl
Amberg. (hwo) Um es vorwegzunehmen: Um ein Haar hätte ein ornithologischer Sachverständiger kommen und sich mit der Frage beschäftigen müssen, ob im Januar bei noch nicht angebrochener Dämmerung Vögel auf dem Dach der Justizvollzugsanstalt zwitschern und lärmen. Das nämlich mutmaßten Bedienstete, als sie davon erfuhren, dass nachts aus einer Gegensprechanlage angeblich schlafraubende Geräusche in eine Zelle gedrungen sein sollen. Gab es nun diesen merkwürdigen Lärm, der den Gefängnisbewohner zu einer geharnischten Dienstaufsichtsbeschwerde beim Anstaltsleiter bewog?

"Es gab ihn nicht", sagte der seinerzeit diensthabende Mann aus der Sicherheitszentrale. Das hätte er mitkriegen müssen, berichtete der JVA-Bedienstete und fügte hinzu, er fühle sich beleidigt durch Formulierungen in dem Beschwerdeschreiben. Darin hatte der nun auf der Anklagebank sitzende 43-Jährige von "kriminellen perversen Straftätern" gesprochen, die ihm vorsätzlich die Ruhe mit Geräuschen aus der Gegensprechanlage geraubt hätten.

Anderes zu tun

Als dies vor Richter Jan Prokoph diskutiert wurde, meldete sich Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier zu Wort. Er nutzte die Gelegenheit, um dem Beschuldigten die Leviten zu lesen. Der Mann, so war sinngemäß zu hören, beschäftige ihn als zuständigen Ermittler immer wieder mit schriftlichen Meldungen über angeblich unrechtmäßiges Vorgehen von Justizbeamten.

"Ich werde künftig Ihre Briefe an die Betroffenen weiterleiten, damit sie gegebenenfalls Strafantrag wegen falscher Verdächtigung stellen können", stellte Strohmeier in Aussicht und fuhr fort, die von dem 43-Jährigen in seinen Schreiben zu Nachforschungen angeforderte Kriminalpolizei habe weiß Gott anderes zu tun, als sich mit derlei Dingen den Tag zu vertreiben.

Was Dr. Strohmeier als Grundlage für weitere Vorgehensweisen verlangte, war "eine Entschuldigung bei dem Bediensteten aus der Sicherheitszentrale". Doch das lehnte der erheblich vorbestrafte Angeklagte ab. Argument: "Ich kenne den gar nicht." Der aus Frankfurt angereiste Verteidiger Dr. Hans-Otto Sieg stand ihm zur Seite. Sein Mandant, argumentierte Sieg, habe mit den Äußerungen ja nur denjenigen gemeint, der "für die Geräusche verantwortlich war." Diese Person, fügte er hinzu, könne es geben oder auch nicht.

Der Oberstaatsanwalt formulierte den gesamten Vorgang in seinem Plädoyer so: "Es gibt Fälle von sozialer Lästigkeit, die von der Gesellschaft ertragen werden müssen." Und er fügte hinzu: "Die Welt ist ein großer Zoo." Gleichwohl seien Beleidigungen nicht zu dulden. Und deswegen müsse der 43-Jährige weitere vier Monate hinter Gitter.

Eine konkrete Person, der die im Dienstaufsichtspapier geschriebenen Schmähworte galten, sei nicht feststellbar, konterte Anwalt Sieg. "Also Freispruch."

Unliebsame Geräusche

Richter Prokoph überlegte lang. Dann verhängte er zwei Monate Haft ohne Bewährung und begründete: "Das waren beleidigende Worte." Gleichwohl hielt er es für durchaus möglich, dass in der besagten Nacht unliebsame Geräusche aus der Gegensprechanlage drangen und den Häftling im Schlummer störten.

Zumal sich während des Prozesses ergeben hatte, dass zu jener Zeit Wartungsarbeiten an dieser für Notrufe gedachten Einrichtung stattfanden. Doch deswegen, befand Prokoph, dürfe nicht zu einem solchen Vokabular gegriffen werden.
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