Kanzler-Typen unter sich

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte am Dienstag die neue Biographie über ihren Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) vor. Verfasst hat das 1000-Seiten-Werk der Historiker Gregor Schöllgen. Bild: dpa

Zehn Jahre ist es her, dass sich Gerhard Schröder in der Elefanten-Runde über Angela Merkel lustig gemacht hat. Nun stellt die Kanzlerin ein Buch über ihn vor. Über die Parallelen zweier Machtmenschen.

Nein, er will die Politik seiner Nachfolgerin nicht kommentieren. Zehn Jahre nach dem Machtwechsel möchte der Altkanzler - der mit der Agenda 2010 Deutschland wirtschaftlich zukunftsfest machte und seine SPD spaltete - keine Parallele zu Angela Merkels riesiger Herausforderung in der Flüchtlingspolitik ziehen. Und tut es dann doch. "Wie es ausgehen wird, wird nach meiner Auffassung davon abhängen, wie schnell und wie mutig ein neues Einwanderungsgesetz, das ich für erforderlich halte, gemacht wird", sagt Gerhard Schröder. Natürlich im Wissen, dass die Kanzlerin jüngst wieder ein solches Gesetz für nicht vordringlich erklärt hat und in ihrer Union in der Flüchtlingsfrage massiv unter Druck steht.

Legendärer TV-Auftritt

Merkel und Schröder. Zwei Regierungschefs. So verschieden, aber mit einer entscheidenden Schnittmenge: Sie sind Machtmenschen. Anders kann man nicht in ein solches Amt kommen, macht Merkel am Dienstag in Berlin deutlich, als sie die 1000-Seiten-Biografie des Historikers Gregor Schöllgen über Gerhard Schröder vorstellt. Eine Biografie über den Mann, der am Abend der Bundestagswahl 2005 im Fernsehen mahnte, man möge doch die Kirche im Dorf lassen und nicht an eine große Koalition unter einer Kanzlerin Merkel glauben.

Schröder nennt den denkwürdigen TV-Auftritt von damals eine "Kultsendung". Er habe sich "lustvoll", wenngleich "suboptimal" verhalten. "Trotzdem möchte ich das nicht missen", sagt er. Er bedankt sich bei Merkel, dass sie nun das Buch vorstellt. Das sei nicht selbstverständlich nach all den Auseinandersetzungen. Merkel sagt, die Differenzen änderten nichts an ihrer Hochachtung für seine Reformleistung. Ob sie sich einen Pragmatiker wie Schröder im Kabinett wünsche, wird die Kanzlerin gefragt, und der 71-Jährige ruft schnell: "Kann man sich nicht wünschen." Merkel sagt, mit ihm wäre sie auch klargekommen. Sie kommt ja auch irgendwie mit SPD-Chef Sigmar Gabriel im Kabinett und dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer in der Koalition klar. Die sind auch nicht zimperlich.

Der große Fehler

Schröder lächelt und zeigt zusammengebissene Zähne. Seine Augen sind wässrig, seine Wangen gerötet. Er amüsiert sich bei der Frage, ob er und Merkel sich politisch austauschten und einmal gemeinsam zum Essen gingen. Er mag gedacht haben, was Merkel dann sagt: "So ausschweifend wollen wir nicht gleich werden." Schröder wünscht seiner SPD, dass sie diese Frau 2017 wieder aus dem Kanzleramt verdrängt. Dann werden beide gebeten, einen großen Fehler des anderen zu benennen. Jetzt schweigt Schröder wirklich. Merkel nicht. Es geht um Macht. Sie sagt: "Ich habe es nicht richtig gefunden, dass er den Parteivorsitz abgegeben hat. Das war ... absehbar, dass damit auch etwas Wichtiges nicht mehr da war in einer Hand. ... Das war für mich so ein Punkt, wo ich gedacht habe: Das hat Konsequenzen." Damit dürfte klar sein, dass Merkel für sich selbst entschieden hat, Kanzleramt und CDU-Vorsitz in ihrer Hand zu behalten oder beides aufzugeben.
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