Klima-Gipfel: Der Enkel weint

Ihrem Ruf als Klimakanzlerin hat Angela Merkel zuletzt nicht mehr alle Ehre gemacht. In Brüssel aber präsentiert sie sich als Klassenprimus. Die EU einigt sich auf Ziele, die Deutschland locker erfüllen kann. Und Europa sieht sich jetzt als Vorreiter in der Welt.

Herman Van Rompuy hält die Verantwortung für die nächste Generation bildlich in den Händen. Zu seinem letzten Europäischen Rat hat der EU-Gipfelchef seine Enkelkinder mitgebracht, den Säugling unter ihnen wiegt der 66-jährige in den Armen. So bekommt das offizielle, oft steife "Familienfoto" der meistens dunkel gekleideten 28 Staats- und Regierungschefs seine Ursprungsbedeutung zurück. Die Kinder bringen Leben in die Bude, es wird gelacht, das Baby weint, was auch das Herz der Kanzlerin erweicht. Zu diesem Zeitpunkt stehen Angela Merkel und ihren Kollegen nächtliche Verhandlungen zum Klimaschutz erst noch bevor. Es geht um weniger gnadenlose Ausbeutung der Erde, es geht um die Zukunft der Kinder.

Um 1 Uhr am Freitagmorgen steht schließlich der Kompromiss auf ein Klima- und Energiepaket bis 2030 für Europa. Van Rompuy twittert: "Deal!" Viele Unterhändler halten diese Abmachung für das Maximum, das angesichts der großen Differenzen erreicht werden konnte. Es ist weniger als sich Merkel erhoffte und mehr, als etwa Polens neue Ministerpräsidentin Ewa Kopacz eigentlich zu geben bereit war. Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) soll im Vergleich zu 1990 verbindlich um mindestens 40 Prozent sinken. Der Anteil der erneuerbaren Energien aus Wind oder Sonne soll mindestens 27 Prozent betragen. Es gibt neue flexible Regeln beim Handel mit Rechten zum CO2-Ausstoß für die Industrie. Auf Druck Großbritanniens und Polens schwächte der Gipfel allerdings die Zielmarke für das Energiesparen ab. Jetzt werden mindestens 27 Prozent statt der von der EU-Kommission vorgeschlagenen 30 Prozent angestrebt, was Umweltschützer beklagen und viele Unternehmen beruhigt. Auch deutsche Diplomaten sprechen von "leistbaren Lasten" für die in scharfem internationalen Wettbewerb stehende deutsche Wirtschaft.

Merkel gibt in Brüssel den Klassenprimus. Deutschland habe gar keine Mühe, die neuen EU-Vorgaben einzuhalten, sagt sie in ihrer nächtlichen Pressekonferenz. "Unsere nationalen Ziele sind ja weit strenger und insofern brauchen wir uns nicht weiter aufzuregen darüber, was Europa uns jetzt zuteilt." Vermutlich wird Deutschland in allen Disziplinen mehr leisten als auf EU-Ebene gefordert. Merkel gibt sich zufrieden. Für den Moment. Bindende Absprachen weit in die Zukunft - bis 2030 - hält sie ohnehin für schwierig.
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