Kommentar zu autokratischen Tendenzen in Europa
Demokratie im Würgegriff von Allahu-akbar- und Nationalwahn

Die Welt ein Narrenschiff - so sahen die Zeitgenossen die Ära des Dreißigjährigen Krieges: ein Nebeneinander von religiösem Wahn und skrupellosem Metzeln. Deutschland verlor ein Drittel seiner Bevölkerung. Thomas Hobbes zog daraus die Lehre, der Mensch sei des Menschen Wolf - der Leviathan, das im menschlichen Charakter veranlagte Ungeheuer nur durch einen starken Staat beherrschbar. Heute wissen wir: Auch ein starker Staat kann furchtbare Verbrechen begehen und garantiert mitnichten die Sicherheit aller Bürger.

Deutschland heute ist von beiden Gefahren gleich weit entfernt. Die offenen demokratischen Gesellschaften Europas werden von außen durch kriegerische Konflikte, Verteilungskämpfe und Armutswanderungen herausgefordert. Und sie werden von innen durch autoritäre Bewegungen auf eine Belastungsprobe gestellt. Erdogans Türkei ist nur ein Paradebeispiel dafür, wie man unter dem Vorwand, für Sicherheit im Land zu sorgen, die eigene Macht sichern und alle kritischen Stimmen mundtot machen kann. Ähnliche Tendenzen beobachten wir in Russland, Ungarn und Polen. Mit jedem weiteren Anschlag wird die Liste autoritärer Länder länger - selbst die ältesten Demokratien sind davor nicht gefeit: England, die USA und Frankreich.

Die Europäische Union wurde als Sicherheitszone gegen totalitäre Systeme ins Leben gerufen. Sie war stark genug, den Kalten Krieg zu überstehen. Wenn Europa zu dieser Einigkeit zurückfindet, wird es weder Allahu-akbar-Rufern noch nationalen Fronten gelingen, die größte Idee, die die Griechen jemals hatten, zu zerstören - allein dafür haben die Hellenen den Rettungsfonds verdient.

juergen.herda@derneuetag.de
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