Kommentar zu Besuch Horst Seehofers in Moskau
Ein bisschen Glasnost

Der bayerische Ministerpräsident betreibt wieder Weltpolitik. Horst Seehofer auf den Spuren von Franz Josef Strauß. Allerdings nicht ganz so spektakulär. Der leidenschaftliche Hobbypilot Strauß selbst soll Heiligabend 1987 einen Flieger auf der vereisten und deswegen gesperrten Piste des Flughafens gelandet haben. Darüber spricht man heute noch. Der Besuch bei Michail Gorbatschow war ungewöhnlich, weil damals noch Kalter Krieg herrschte und Strauß Kommunisten nicht ausstehen konnte.

Allerdings: Gorbatschow hatte seine Glasnost-Reformen bereits angestoßen. Und Strauß war Real- und Friedenspolitiker genug, um zu wissen, dass man Differenzen auf Dauer nur in Gesprächen lösen kann, nicht in Schuldzuweisungen, Sanktionen und Boykotten. Und in Kriegen schon überhaupt nicht.

Ähnlich sieht das offenbar Seehofer, wenn er sagt, Probleme wie Flüchtlingskrise und Terrorgefahr ließen sich ohne Russland nicht lösen. Er verhehlt aber nicht, dass auch wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle spielen. Seehofer täte deshalb gut daran, Menschenrechtsfragen anzusprechen - und Wladimir Putin mit der von russischen Medien verbreiteten Falschmeldung zur angeblichen Vergewaltigung eines Mädchens in Berlin zu konfrontieren.

Unterstützung bekommt Seehofer auch von SPD-Spitzenpolitikern. Und von der Linkenpolitikerin Sahra Wagenknecht. Die Verbalattacke des Grünen Anton Hofreiter dagegen hilft niemandem. Angesichts der frostigen Stimmung zwischen dem Westen und Moskau kann etwas Glasnost doch nur wünschenswert sein.

alexander.raedle@derneuetag.de
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